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: Kölns einsamste Amazone

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Wenn sie ihre Schicht beginnt, dann wird ihr Körper zum Panzer: eine Lederjacke, ein Elektro-Stunner, aus dem 320 000-Volt-Lichtblitze kommen, ein CS-Spray, eine Rettungsschere, ein Weltempfänger, ein Teleskopschlagstock, eine Taschenlampe, ein Springermesser und ein Mobiltelefon. Sie hat ein Skorpiontattoo ...

          Wenn sie ihre Schicht beginnt, dann wird ihr Körper zum Panzer: eine Lederjacke, ein Elektro-Stunner, aus dem 320 000-Volt-Lichtblitze kommen, ein CS-Spray, eine Rettungsschere, ein Weltempfänger, ein Teleskopschlagstock, eine Taschenlampe, ein Springermesser und ein Mobiltelefon. Sie hat ein Skorpiontattoo an der rechten Hand, viele Narben am Körper und sechstausend Straßen im Kopf gespeichert, weil sie nicht lesen kann. Sie ist 24, sie sieht aus wie ein Junge, weil sie auf Mädchen steht, und an Brustwarzen und Geschlechtsteil ist sie gepierct. Sie schwärmt für Xena, die Kriegerprinzessin, sie besitzt alle Folgen der Amazonen-Fernsehserie auf Kassette. Sie hält sich für Antimaterie und die Mondlandung für einen großen Schwindel, und sie ist überzeugt: "Die Kräfte des Bösen hatten sie nie wirklich vergessen."

          Das ist selbst für eine lesbische Romanheldin, die ein Mann sich ausgedacht hat, ein bißchen viel auf einmal. Wir müssen uns Chris als einen Hybrid vorstellen, der dort gezeugt wurde, wo der Himmel der Populärkultur sich verfinstert. Eine schreckliche Schwester von Winona Ryder, die in Jim Jarmuschs "Night on Earth" ihr Taxi durch Los Angeles steuerte. Nicht ganz so hart wie Travis Bickle, aber fast so nah am Wahn wie die weltbekannte Rächerfigur, die Martin Scorsese und Paul Schrader als "Taxi Driver" durch die New Yorker Nächte schickten und an die man automatisch bei jedem Buch oder Film denken muß, in dem Taxis eine zentrale Rolle spielen.

          Natürlich hat auch Marcus Ingendaay daran gedacht und gleich ein Echo produziert: "Sie war Gottes einsamste Frau", steht da am Ende eines Absatzes. "Ich bin Gottes einsamster Mann", sagt Robert DeNiro im Kino. Wer so viele Bücher übersetzt hat wie der fünfundvierzigjährige Ingendaay, der hat viele Melodien im Kopf, der verfügt über ein ganzes Repertoire von Sounds. Da dürfte es ihn auch kaum gestört haben, daß im Rowohlt Verlag vor 25 Jahren schon einmal ein Buch erschienen ist, das auch "Die Taxifahrerin" hieß und von den Erlebnissen einer Pariser Taxifahrerin erzählte. Es kommt halt alles auf den Remix an, der durch all die Bilder, Worte und Geschichten zu einer eigenen Geschichte finden soll.

          In einer Kölner Nacht liest Chris einen weiblichen Fahrgast auf, eine verwirrte, elegante Frau. Sie geht in den Rheinauen ins Wasser, und Chris rettet sie. Am Flughafen sehen sie sich zufällig wieder und küssen sich. Gudrun, zehn Jahre älter, gehört zwar eine Boutique, doch sie wird von ihrem Bruder im elterlichen Haus wie in einem Gefängnis gehalten. Sie lebt von Mann und Kind getrennt, sie geht zum Therapeuten, nimmt Psychopharmaka, und wenn man auch nicht gerade ein ärztliches Bulletin lesen möchte, so läßt das Buch sie doch ein bißchen zu angestrengt im Dunkeln stehen, wohingegen Chris so klar vor einem sitzt wie im Neonlicht eines Sozialamts: vom Vater verlassen, von der Mutter gehaßt, von ihrer Nuttenfreundin abgezockt, von Anti-Gewalt-Therapien unberührt, geflohen aus einer Welt voller "Asis und Türkenschwuchteln".

          Zwischen den beiden Frauen beginnt eine Liebesgeschichte - wie ein gefährlicher Strudel in schwarzem, nächtlichem Wasser. Kurzzeitig tun sie einander gut, um nur desto tiefer fortgerissen zu werden. "Liebling, lern lieber lesen . . . Ich will keine Freundin, die nicht lesen kann", sagt Gudrun - und Chris lernt brav, Buchstaben zusammenzufügen. Die Zeichen zu entziffern, zu denen sich Gudruns Verhalten zusammenfügt, lernt sie nicht.

          "Die Taxifahrerin" ist ein finsteres Buch, auch wenn es gerade noch glimpflich ausgeht für Chris, und es ist ein übervolles Buch. Von überall her wispern die Stimmen. Die Songs und die Moderationen aus dem Radio, die Worte über Sprechfunk. Chris spricht mal in der ersten und mal in der dritten Person. Ingendaay hat die verschiedenen Genreelemente und Tonlagen weniger gemischt als verschnitten: die lesbische Liebesgeschichte, die Amazonen-Phantasien, den Krimiplot mit zwei Kommissaren, die für ein wenig Slapstick sorgen.

          Die Vielfalt der Einfälle überwuchert allmählich die erzählerische Ökonomie, was nichts daran ändert, daß der Roman passagenweise brillant ist. Doch selbst solche "Kodak-Momente" - so nennt Chris ihre Erinnerungsbilder - sind meist ein wenig zu kunstvoll überbelichtet. Marcus Ingendaay bewegt sich zwar sicher zwischen Slang, ein bißchen Pornographie und Poesie, doch manchmal hat man das Gefühl, er kalkuliere so genau, was er tut, daß am Ende keine der Figuren je auf eigenen Füßen stehen darf.

          PETER KÖRTE

          Marcus Ingendaay: "Die Taxifahrerin". Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2003. 352 S., geb., 19,90 [Euro].

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