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Klaus Wagenbach: Die Freiheit des Verlegers : Der hat sich eingeschlichen

Bild: Verlag

Klaus Wagenbach hat Literatur- und Kulturgeschichte geschrieben. Zu seinem achtzigsten Geburtstag blickt der selbsternannte Verleger für wilde Leser zurück.

          Die Macht der Leser bekam Klaus Wagenbach schon als Schüler zu spüren, als er mit Freunden das Feuilleton des "Eppsteiner Boten" übernahm. Den Kulturteil des Blatts, das in einer Auflage von achthundert Stück erschien, bestückten die Jungredakteure hauptsächlich mit einem Roman: "Dornen" von Thea Schröck-Beck, den sie irgendwo gefunden und hemmungslos gekürzt hatten. Und als es ihnen langweilig wurde, ließen sie den Helden sterben. Anderntags wurde die Druckerei von empörten Abonnenten gestürmt. Wie seine "wilden Leser" hat auch Klaus Wagenbach, dieser laut Selbstbeschreibung "politische Knurrer von hemmungslosem Optimismus", den Sturm auf die Paläste nie gescheut. Im Gegenteil verweist er heute, da ihm das Alter eine gewisse Milde erlaubt, mit Stolz darauf, der meistvorbestrafte lebende deutsche Verleger zu sein.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Prinzipien, auf die er 1964 seinen Verlag gründete - Hedonismus, Anarchie, Geschichtsbewusstsein - sind ihm nach wie vor heilig. Denn aller Italienleidenschaft zum Trotz, die sich im Klaus Wagenbach Verlag seit vielen Jahren niederschlägt, hat der Begründer der Toskana-Fraktion und notorische Rote-Socken-Träger ja eine sehr deutsche und also politische Vergangenheit. Darüber gibt jetzt ein Sammelband vielfach Auskunft, den der Verlag zu Wagenbachs achtzigstem Geburtstag am morgigen Sonntag in gewohnt bibliophiler Manier mit rotem Leineneinband und händisch aufgeklebtem Foto des Jubilars herausbringt: "Die Freiheit des Verlegers". Das Buch bündelt Schriften aus dem Leben des Verlagsgründers und zur Geschichte des Hauses und liest sich als Rückblick auf mehr als sechs bewegte Jahrzehnte. Es ist ein schillerndes Konvolut zur kulturellen und geistigen Geschichte der Bundesrepublik.

          Hedonismus, Anarchie, Geschichtsbewusstsein

          Auf früheste Kindheitserinnerungen aus Kriegstagen, erste Begegnungen mit Amerikanern, auf den Übergang von der alten Ordnung in die neue und die beginnende Adenauerzeit, die Wagenbach in Oberhessen verbringt, wo sein Vater Landrat ist und mit einem Adler-Triumph durch die Gegend braust "und die Demokratie aufbaut" und er eigentlich Chemiker werden will, folgen Lehrjahre bei Suhrkamp und S. Fischer in Frankfurt. 1964 kommt es zum ersten Bruch in Wagenbachs Vita, als er, inzwischen zum Lektor avanciert, bei S. Fischer fristlos gefeuert wird, nachdem er gegen die Verhaftung eines DDR-Verlegers auf der Buchmesse protestiert hatte. Da keimt in dem jungen Mann die Idee eines "gesamtdeutschen Verlags", und zwar in Berlin, der Stadt also, die zu jener Zeit verloren schien, wie Wagenbach schreibt. Der Verkauf einer Wiese im Taunus, die er dem Vater abtrotzt, bildet das Startkapital. Aber ein Jahr später macht ihm die DDR den Traum zunichte, zunächst mit Einreise-, dann mit Durchreiseverbot.

          Diesseits der Mauer hingegen wird der junge Berliner Verlag rasch nicht nur zur literarischen Heimat junger deutschsprachiger Autoren wie Günter Grass, Ingeborg Bachmann, Peter Rühmkorf und Erich Fried, sondern als linke Institution von einer ganzen studentenbewegten Generation entdeckt und vereinnahmt. In den Siebzigern dann, als die Schriften der APO, von Dutschke, Mao sowie Ulrike Meinhofs "Bambule" bei Wagenbach erscheinen, ist es nur einem pfiffigen Anwalt, Otto Schily, zu verdanken, dass der Verlag im Strudel von Hausdurchsuchungen, Ermittlungsverfahren und verlorenen Prozessen nicht untergeht. Viele Linke hielten es für selbstverständlich, erinnert sich Wagenbach, "im Verlag arbeiten zu können. Oder zu volontieren. Oder zu übernachten. Oder wenigstens zu fotokopieren. Und jedenfalls gehörte mein Auto der Bewegung." Für ein halbes Jahrzehnt verwandelt sich das Haus in eine Nachrichtenbörse, ein Nachtlager und Mittagstisch, kurz: in einen Dienstleistungsbetrieb für wütende Studenten. Wie ernüchternd das Erwachen aus dem Traum vom Kollektiv war, zeigt sich 1973, als es zur Spaltung zwischen Wagenbach und Rotbuch kommt.

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