https://www.faz.net/-gr3-6k2ts

Klaus Wagenbach: Die Freiheit des Verlegers : Der hat sich eingeschlichen

Allen inhaltlichen Häutungen zum Trotz

Mit Leidenschaft ist Wagenbach immer dann bei der Sache, wenn es ums Handwerk des Verlegers geht. Eine Begabung nennt er das, "was auf Blättern geschrieben da ist, auf einem ganzen Konvolut von Blättern, in eine plastische Gestalt zu übersetzen, in die Buchgestalt". Drei Definitionen fallen ihm als Voraussetzung fürs Büchermachen ein: Enthusiasmus, Zufall und technische Besorgnisse. Allen inhaltlichen Häutungen zum Trotz - dass der gelernte Verlagsfachmann von Büchern etwas versteht, sieht man seiner Produktion bis heute an. Da hält er es mit seinem einstigen Meister, dem Herstellungsleiter bei Fischer, Fritz Hirschmann, der ihm einbleute, "dass Bücher nicht nur billig, sondern auch schön zu sein hätten". Von ihm bekam Wagenbach damals ein schäbig gedrucktes Buch in die Hand gedrückt: "Bub, schätz das mal!" Und als er begann, die Zeilen zu zählen, entdeckte er einen Autor, von dem er bis dahin nichts gelesen hatte und der ihn nach einer Promotion sowie vielen weiteren Publikationen bis heute nicht losgelassen hat: "Kafkas dienstälteste lebende Witwe" nennt Wagenbach sich deshalb selbst gern.

Über seine Grand Tour nach Italien auf dem Fahrrad gibt er ebenso beredt Auskunft wie über die Forschungsreisen auf Kafkas Spuren nach Israel und in die Tschechoslowakei, wo er als Reisezweck den offiziösen Egon Erwin Kisch angab, um den verbotenen Kafka zu finden. Was Wagenbachs ersten Auftritt bei der Gruppe 47 angeht, so erinnerte sich später Hans Werner Richter, dass er, als er ihn da sitzen sah, bloß dachte: "Wie kommt denn der Junge hierher, ein Abiturient, vielleicht ein Pfadfinder, ein Sohn von Hans Mayer konnte es nicht sein, Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger waren zu jung, um als Mütter in Betracht zu kommen. Der hat sich eingeschlichen."

Ein Dogmatiker ist er nicht

Mit Rührung schreibt Wagenbach zum Tod des Dichters Erich Fried. Und hält auch nicht mit Wut und Enttäuschung zurück, etwa über Wolf Biermann, den er noch zu dessen DDR-Zeit publizierte und der dann nach der Ausbürgerung den Verlag wechselte, ohne Wagenbachs Verlagsräume je betreten zu haben. F. C. Delius trägt er nach, dass der einst zur Revolte gegen den Verleger aufrief. Bis heute ist er der unverwüstliche, leidenschaftliche und unabhängige Verleger geblieben, der mit seinem Meinungsverlag um Bücher kämpft, als gäbe es keine Konzerne. Ein Dogmatiker ist er nicht: Dass er in seiner Grabrede für Ulrike Meinhof 1976 die von RAF-Terroristen Ermordeten aufrechnete gegen die durch die Polizei bei der Fahndung Getöteten ist ihm heute "peinlich", wie er kürzlich im "Spiegel" gestand: "Ich wusste eigentlich damals schon, wie verrückt das alles war."

Klaus Wagenbach hat als Verleger Literatur- und Kulturgeschichte geschrieben. Dabei ist ihm zuletzt noch das Kunststück gelungen, woran viele seiner Kollegen scheitern, nämlich die eigene Nachfolge rechtzeitig zu klären. Während die einen ihren Nachkommen juristische Knobelaufgaben mit auf den Weg geben und andere lieber dichtmachen, als den Verlag fremden Händen zu überlassen, hat Klaus Wagenbach sein Haus frühzeitig und ohne Drama seiner Frau Susanne Schüssler übergeben. Er selbst kommt als Altlektor im Nebenzimmer an der Schreibmaschine allenfalls noch als Feuerwehrmann zum Einsatz - bei empfindsamen Übersetzern, älteren Autoren, beleidigten Lesern. Er weiß: So viel List muss ein Verleger lebenslang angesammelt haben, um sich als Pensionär nützlich machen zu können.

Weitere Themen

„Azor“ Video-Seite öffnen

Trailer (OmU) : „Azor“

„Azor“, Regie: Andreas Fontana. Mit: Fabrizio Rongione, Stéphanie Cléau, Carmen Iriondo, Juan Trench, Ignacio Vila, Pablo Torre, Elli Medeiros, Gilles Privat, Alexandre Trocki, Augustina Muñoz, Yvain Julliard. CH, F, ARG, 2021.

Mensch bleiben im Grauen

Zeitzeuge Michael Wieck : Mensch bleiben im Grauen

Der Geiger und Autor Michael Wieck hat als „Geltungsjude“ den nationalsozialistischen und stalinistischen Terror in Königsberg überlebt. Sein Buch über den Untergang der Stadt gehört zu den wichtigsten Werken der Zeitzeugen-Literatur. Jetzt ist er mit 92 Jahren gestorben.

Topmeldungen

Shoppen und Massagen : Diese Lockerungen gelten ab heute

Die Corona-Einschränkungen fallen ab diesem Montag etwas milder aus: Mehr Kontakte sind erlaubt, Einkaufen wird einfacher und in Schulen beginnt langsam wieder in den Präsenzunterricht. Die wichtigsten Änderungen im Überblick
Unsere Autorin: Rebecca Boucsein

F.A.Z.-Newsletter : Katerstimmung in der Union

Die Union gerät vor den Landtagswahlen durch die Masken-Affären ins Schlingern, Geschäfte machen wieder auf, und in Madrid sorgt der Weltfrauentag für Ärger. Der F.A.Z.-Newsletter.

Meghan und Harry : „Die Königin war immer wundervoll zu mir“

Meghan und Harry berichten erstmals über ihr gemeinsames Leben bei Hofe. Im Interview mit Oprah Winfrey geht es um Rassismus und Eifersucht hinter den Palastmauern – und die Suizidgedanken der Herzogin.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.