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Klaus Peter Dencker: Optische Poesie : Was alles nicht von unserer Gegenwart erfunden werden musste

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Bild: De Gruyter Verlag

Diese Pionierarbeit hilft bei der Entrümpelung der Phantasie: Klaus Peter Denckers Bestandsaufnahme zur „Optischen Poesie“ verbindet Kreativität und Wissenschaft auf angenehme Weise.

          5 Min.

          Es ist nützlich, eine allgemein akzeptierte Terminologie zu haben, aber das hat sich als unmöglich erwiesen“, antwortete der englische Dichter Bob Cobbing einmal auf die Frage nach dem Verhältnis von Poesie und Poetik und kam zu der Schlussfolgerung: „Was zählt, ist, was gemacht worden ist, nicht, wie es genannt wird.“ Anderen hingegen ist die genaue Benennung für die Rezeption von Literatur unabdingbar bis hin zur Verabsolutierung von Begriffen wie dem der Struktur, was einen neuen Nominalismusstreit heraufbeschwören könnte.

          Nicht selten wurden die Poetiken von den Autoren selbst entwickelt und eingeführt, teils parallel zur dichterischen Praxis und in wechselseitiger Referenz aufeinander. Für die rhetorikbasierten normativen Gattungspoetiken des Barock war dies sogar die Regel. Deskriptive Poetiken stellen oftmals die Möglichkeit einer allgemeinen theoretischen Beschreibbarkeit von Literatur in Frage, was deren theoretisch fundierte Analysierbarkeit jedoch nicht ausschließt. Ihre Chance, nicht zuletzt, was ihren kritisch-dokumentarischen Wert anbelangt, besteht unter anderem in der Konstituierung einer historischen, das heißt retrospektiven Typologie von Gattungen und Genres, die gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen integrieren kann.

          Produktionsästhetik und Gattungsgeschichte auf kreative Weise verbindend, hat nun der visuelle Poet und Literaturwissenschaftler Klaus Peter Dencker eine Bestandsaufnahme derjenigen Poesie vorgelegt, die er in Analogie zur „Akustischen Poesie“ und im Anschluss an den Literaturwissenschaftler Ulrich Ernst „Optische Poesie“ nennt. Mit diesem analytisch tragfähigen und aufgrund seiner Unbelastetheit angemessenen Leitbegriff hat er nicht versucht, eine normative Gattungspoetik inklusive Ausschlussverfahren und produktiven Anweisungskanons zu restituieren. Vielmehr ist es ihm gelungen, im Filiationsdschungel der spätestens seit dem Barock auseinanderdriftenden Gattungs- und Genrevielfalt der „Optischen Poesie“ historische Orientierung zu schaffen. Und das war überfällig, hat die multi- und intermediale Extension dessen, was unter den Begriff „Poesie“ zu fassen ist, doch zunächst einmal eher mit Produktionsästhetiken vertraute Medientheoretiker auf den Plan gerufen, als dass die Literaturwissenschaft diesen erweiterten Poesiebegriff nachvollzogen hätte. Die Stilblüten der schweres Geschütz auffahrenden Rezeptionsabwehr dieser Poesie dokumentiert Dencker ebenso wie ihre Theoriegeschichte (darunter Dick Higgins, Ferdinand Kriwet, Franz Mon oder Gerhard Rühm als Dichtertheoretiker).

          Der Film in der Sprache

          Zwar lässt der Untertitel des gewichtigen Buches, „Von den prähistorischen Schriftzeichen bis zu den digitalen Experimenten der Gegenwart“, einen archäologisierenden Regressus in infinitum historischer Ursprungsmythen der „Optischen Poesie“ bis hin zur Reklamierung von Schöpfungsmythen der Sprache und der Schrift als ihren Initiatoren befürchten. Aber Dencker ist dieser Gefahr nicht erlegen. Unter den von ihm beschriebenen Dokumenten medialer und synästhetischer Grenzüberschreitungen aus verschiedenen Jahrhunderten und Ländern finden sich Belege für zum Teil sehr frühe Konzeptualisierungen, die, so Denckers mediengeschichtliche Spekulation, spätere Entwicklungen vorausdachten, ohne dass ein geeignetes Medium für die Realisation zur Verfügung gestanden hätte. Sie allein schon lohnen die Lektüre dieses Buches.

          So spricht Jean Paul in der „Vorschule der Ästhetik“ davon, dass die „fließende Phantasie“ eingesetzt werden müsse, wenn die Sprache zur Darstellung des Sichtbaren nicht mehr ausreiche, denn erst wenn sichtbare Dinge ins Vorgangshafte gerieten, sehe man etwas. Diese Umsetzung des Statischen ins Dynamische ist Dencker zufolge „die Definition der Filmform schlechthin“. Mit ihr habe Jean Paul Positionen des italienischen Futuristen Marinetti vorweggenommen.

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