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Klaus Modick: Sunset : Der amerikanische Freund

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Klaus Modick ist nach Amerika zurückgekehrt. Zu seinem 60. Geburtstag hat Modick mit „Sunset“ einen Feuchtwanger-Roman geschrieben, der sein eigenes Werk rundet und Bekenntnisse in eigener Sache enthält.

          3 Min.

          Klaus Modicks Werk kreist auf reizvoll selbstreferentielle Weise um die Bedingungen schriftstellerischer Produktion. Damit steht es nicht alleine. Offener als andere aber thematisiert Modick dabei den Zwiespalt zwischen einem Anspruch, mit dem auch die heikelsten Kritiker zufriedenzustellen sind, und der Notwendigkeit, von seinem Beruf auch leben zu können. Nicht zufällig muss sich in Modicks Literaturbetriebssatire „Bestseller“ (2006) der Held Lukas Domcik (einem auch in anderen Büchern wiederbegegnendes Anagramm) von seinem Verleger andauernd fragen lassen: „Was würde Hollywood dazu sagen?“.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Dieser Grundbass verleiht Modicks Büchern, untern denen sich auch direkt Autobiographisches wie das „Vatertagebuch“ (2005) oder die „Krummen Touren“ (2010), eine seltene Aufrichtigkeit, denn die meisten Autoren behalten das Bedürfnis, möglichst vielen gefallen zu wollen, für sich. Von Anbiederei an den Kritiker- oder Publikumsgeschmack kann dabei aber keine Rede sein; vielmehr wird, sobald es um den Literaturbetrieb geht, der Ton zuweilen gallig. Sarkastisch sprach Modick einmal im Zusammenhang mit seinen Büchern aus den frühen neunziger Jahren von einer „Trilogie der Unverkäuflichkeit“, die dem Oldenburger Familienvater vermutlich derart zu denken gab, dass er wieder Kurs einschlug in Richtung eines eher unprätentiös-süffigen Erzählens, wie er es mit pointierter Komik schon in dem als postmodernes Lehrstück leicht missverstandenen Roman „Weg war weg“ (1988) betrieben hatte.

          Was würde Hollywood dazu sagen?

          Eine ähnliche Tonlage schlug er im „September Song“ an, wo er überwunden geglaubte erotische Verwicklungen eines echten Fünfzigers selbstironisch aufs Korn nimmt. Schon der an Kurt Weill angelehnte Titel dieses mit großer Leichtigkeit geschriebenen Romans signalisiert, dass es sich bei Modick gewissermaßen um einen amerikanischen Freund handelt. Als solcher gibt er sich nicht nur in seinen hochgeschätzten Übersetzungen amerikanischer Prosa zu erkennen, sondern auch in seinem bisher wohl besten Buch „Die Schatten der Ideen“ (2008), einer mit zeitgeschichtlicher Tiefenschärfe und intimer Landeskenntnis operierenden Mischung aus Politthriller, Campus- und Erotikroman, der die McCarthy-Ära aufarbeitet.

          Nach Amerika kehrt Modick nun zurück. „Sunset“ ist ein kurzer, überwiegend auf reales Material zurückgreifender und nur zu kleineren Teilen frei verfahrender Lion-Feuchtwanger-Roman, der auf doppelte Weise triftig erscheint: als akademischer Stoff, denn über diesen Autor hat Modick vor gut dreißig Jahren (bei Karl Robert Mandelkow) seine Doktorarbeit geschrieben; und erneut in Hinsicht auf das Verhältnis zwischen Kunst und Kommerzialität - also: Was würde Hollywood dazu sagen?

          Bekanntes Setting

          Die Folie des Erzählens, das unterschiedliche, bis in Feuchtwangers Münchner Zeit zurückreichende Lebensepisoden lose miteinander verbindet, ist das Verhältnis zu Bertolt Brecht, dessen amerikanisches Fiasko sich im Glanz des väterlich-nachsichtigen Freundes negativ spiegelt. Geschickt und in verblüffender Paradoxie arrangiert Modick dabei die amerikanische Wirklichkeit als Funktionsvoraussetzung für jenen Warencharakter von Kunst, um den es Brecht eigentlich immer zu tun war, während der ebenfalls mit dem Sozialismus sympathisierende und trotzdem von Hollywood hofierte Auflagenkönig sich gelassen an alles anzupassen weiß und sich politisch zurückhält, „ein jüdischer Autor, der deutsch schreibt und kosmopolitisch denkt“, aber, wegen einer gewissen Überzeugungslosigkeit, auch „der doppelte Verräter“. Die immer wieder das Verhältnis von Leben und Literatur traktierenden Gedankenbewegungen werden unterbrochen durch gesellschaftsromanhafte Begebenheiten, denn Feuchtwangers Villa Aurora, in dem Modick schon ein Stipendium genoss, war der Mittelpunkt des deutschen Exilantenlebens.

          Dieses Setting kommt einem bekannt vor: Michael Lentz' großer Roman „Pazifik Exil“ hatte dasselbe Personal - außer Brecht betreten oder durchgeistern in „Sunset“ auch Franz Werfel, die Mann-Brüder, Hanns Eisler und Arnold Schönberg die Szenerie. Trotz der Konzentration auf eine Figur erreicht Modicks Roman nicht die Intensität des Blicks, den Lentz auf sein Personal warf, aber das ist auch eine Frage des Umfangs und war wohl auch gar nicht beabsichtigt. Modick geht es eher um einen mürben Abgesang, den er mit farbigen Landschaftsschilderungen und dezent rücksichtsvoll eingeflochtenen Andeutungen von Feuchtwangers Niedergang anstimmt.

          Geburtstagsfeier weit weg vom Literaturbetrieb

          Im Bild der Schildkröte spiegelt sich das Porträt eines zuletzt vollständig desillusionierten Autors: „Er schlendert bergab wie einer, der alle Ziele kennt und längst weiß, dass Eile nicht lohnt.“ So geht Feuchtwanger, immer wieder aufgeschreckt durch Vorladungen vor den McCarthy-Ausschuss, seinem Ende entgegen, ein Übriggebliebener, dessen literarische Mission, sofern er überhaupt je eine hatte, sich aushaucht in wehmütigen Betrachtungen über Zeit und Vergänglichkeit. Als Feuchtwanger 1958 vierundsiebzigjährig stirbt, ist sein Werk in Deutschland fast schon vergessen, dem einen allzu großen literarischen Wert zu verleihen Modick sich gar nicht erst die Mühe macht: „Man schreibt, denkt er, weil man geliebt werden will.“

          Unübersehbar hat Klaus Modick seinem jüngsten, nicht ganz so zwingenden Roman Bekenntnisse in eigener Sache eingeschrieben. Auch dieses eine dürfte dazugehören, an das er sich hoffentlich noch lange nach seinem sechzigsten Geburtstag, den er an diesem Dienstag wahrscheinlich weit weg vom Literaturbetrieb feiert, erinnern wird: „Die Arbeit wartet. Er hat noch zu tun.“

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