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Edgard Lee Masters’ Klassiker : Die Toten dieser Kleinstadt sprechen noch

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Irgendwo im Mittleren Westen: Was wurde aus denen, die einst auf den Stühlen saßen? Bild: AP

Was sie noch zu sagen hätten, dauert ein paar Zigaretten: Edgar Lee Masters gab vor gut hundert Jahren den verstorbenen Bewohnern des fiktiven Städtchens Spoon River eine lyrische Stimme. Jetzt reden sie ungekürzt auf Deutsch.

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          Der Doktor, der Sheriff, die ermordete Schwangere, die selbstkritische Stiefmutter – sie alle hätten noch so viel zu erzählen gehabt, mussten aber abtreten von der Bühne des Lebens. Angeregt von antiken Grabinschriften, begann Edgar Lee Masters 1914 in St. Louis damit, fiktive, aber von Menschen seiner Heimat im Mittleren Westen inspirierte Epitaphe in einer Zeitschrift zu veröffentlichen. Wenig später wurden sie als Buch zur „Spoon River Anthology“ gesammelt, die amerikanische Literaturgeschichte schrieb. Masters verband darin Sherwood Andersons fast zeitgleich entstehenden Geschichtenreigen der amerikanischen Kleinstadt („Winesburg, Ohio“) mit einer vielstimmigen Moderne und den freien Versen Walt Whitmans und Carl Sandburgs.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Claudio Maira, im Hauptberuf Schweizer Oberrichter, hat nun auf der Grundlage der erweiterten Macmillan-Ausgabe erstmals alle Epitaphe ins Deutsche übersetzt, kenntnisreich mit Bezügen zur amerikanischen (Literatur-)Geschichte annotiert und dankenswerterweise mit einem Register versehen, mit dem man schnell die allerletzten Worte des Pastors Wiley, der betrogenen Mrs. Purkapile, des Fiedlers Jones, der Witwe McFarlane findet.

          Mairas Übersetzung ist dezidiert keine poetische, sie dient dem Verständnis sowie dem Transport von Masters’ Lakonie, etwa wenn der Apotheker analysiert, warum ein Familienexperiment schiefging: „Jeder für sich gut, doch zueinander schlecht; er Sauerstoff, sie Wasserstoff, ihr Sohn ein verheerendes Feuer.“

          Edgar Lee Masters: „Die Toten von Spoon River“. Aus dem Englischen und kommentiert von Claudio Maira. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2020. 544 S., geb., 40,– Euro.
          Edgar Lee Masters: „Die Toten von Spoon River“. Aus dem Englischen und kommentiert von Claudio Maira. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2020. 544 S., geb., 40,– Euro. : Bild: Jung und Jung

          Die Anmut der freien Verse kann sie so freilich nicht wiedergeben: „She drained me like a fevered moon / That saps the spinning world. / The days went by like shadows, / The minutes wheeled like stars“, barmt, nein, singt wohl der arme Fletcher McGee über die Frau, die sein Leben ruiniert hat. Die rahmende Vorrede mit ihrem wiederholten „All, all are sleeping on the hill“ suggeriert, dass im Tode alle gleich sind: „the tender heart, the simple soul, the loud, the proud, the happy one“. Aber der Groll so mancher Verstorbener belügt diese Hoffnung.

          „Spoon River“ wird oft reduziert auf seine markigeren Figuren, die Raufbolde und Säufer, die uns inzwischen allzu bekannt vorkommen. Aber es gibt darin auch rätselhaftere Stimmen wie jene der kaum charakterisierten Serepta Mason, die sich beschwert: „Meine blühende Seite habt ihr nie gesehen!“ Oder den Delinquenten Frank Drummer, dessen Lebensziel es war, die Encyclopedia Britannica auswendig zu lernen – woran starb er im Alter von 25 Jahren? Es gibt Stimmen wie jene der Dorfdichterin Minerva Jones und überraschenderweise die des englischen Dichters Shelley, die sich zwischen jene der Amerikaner mischt. Manche von ihnen wissen schon, dass sie ein Nachleben in der Literatur haben: „So spross ein Baum aus mir, einem Senfkorn.“

          Der Einfluss von „Spoon River“ auf Amerikas Literatur, Film und Musik ist kaum zu überschätzen; weltweit inspirierte es ferner auch schwedische Komponisten, italienische Cantautori und jüngst Robert Seethaler zu seinem Roman „Das Feld“. Wer diese lebendigen Totengedichte liest, darf hoffen, im Jenseits mit den Geistern von Chaucer, Cäsar, Poe und Marlowe, von Cleopatra und Mrs. Surratt Tee zu trinken – selbst wenn dabei nur dummes Geschwätz („mere trifling twaddle“) herauskommt. Im besseren Fall werden es so wunderbare Verse sein wie die von Edgar Lee Masters.

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