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: Kind im Dschungel

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Entscheidungen, sofern man sie trifft, setzen voraus, daß es einem nicht egal ist, ob man Fisch oder Fleisch ißt, den einen oder den anderen Menschen liebt, gute oder schlechte Bücher liest. Dwight B. Wilmerding hingegen kann sich für und gegen nichts entscheiden; dies weniger, weil ihn das Überangebot an Möglichkeiten überfordert, sondern weil ihm letztlich alles egal ist.

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          Entscheidungen, sofern man sie trifft, setzen voraus, daß es einem nicht egal ist, ob man Fisch oder Fleisch ißt, den einen oder den anderen Menschen liebt, gute oder schlechte Bücher liest. Dwight B. Wilmerding hingegen kann sich für und gegen nichts entscheiden; dies weniger, weil ihn das Überangebot an Möglichkeiten überfordert, sondern weil ihm letztlich alles egal ist. So wirft er lieber eine Münze und läßt den Zufall über sein Leben bestimmen. Das einzig Erstaunliche an dieser Unschlüssigkeit, die er selbst als "chronische Unentschlossenheit" oder Abulie diagnostiziert hat, ist, daß er darunter leidet - was beweist, daß ihm alles gleichgültig ist außer seinem eigenen Nachdenken über diesen Zustand. Das Reflektieren über seine Willenlosigkeit ist Dwights Lieblingsbeschäftigung, und darin, wenn schon in nichts anderem, hat er es zu einiger Reife gebracht.

          Dwight ist Ende Zwanzig und lebt in New York. Tagsüber sitzt er in einem Call-Center der Firma Pfizer, das demnächst nach Indien "outgesourct" werden soll, und löst die Computerprobleme der Anrufer mit jenem Elan, wie man etwa einen alten Kaugummi von der Schuhsohle abknibbelt. Kiffend und labernd wabert er durchs Leben. Den 11. September hat er in einem Ecstasy-Rausch erlebt, für seine Schwester Alice hegt er latent inzestuöse Gefühle, was diese sehr und ihn gar nicht beunruhigt; an seiner Mutter schätzt er ihre Tofu-Huhn-Zubereitung und an seinem Vater dessen Konto. Nicht einmal für die hübsche Vaneetha, mit der er seit längerem die Nächte verbringt, kann er Enthusiasmus aufbringen: "Bald würden wir uns entscheiden müssen, ob wir ein Paar werden, bleiben oder gewesen sein wollten."

          Dwight ist einer der sorglosen "Wischiwaschitypen von heute", die das Erwachsenwerden von der Pubertät an auf die Zeit nach der Midlife-Crisis verschieben oder, wie sein Mitbewohner Dan, ein Chemiestudent, es ausdrückt, Dwight ist "ein sehr sozialverträglicher Mensch - höflich, nett, liebenswürdig. Bla bla bla." Ein ideales, weil wachsweiches Mitglied der Gesellschaft. Und das macht ihn zur berufenen Testperson für Abulinix, ein neues Medikament gegen, jawohl, chronische Unentschlossenheit, das Dan ihm verabreicht.

          Benjamin Kunkel, Jahrgang 1973, wird wegen seines soeben in deutscher Übersetzung erschienenen Debütromans "Unentschlossen" diesseits des Atlantiks als Amerikas neuester Literaturexportstar gefeiert (F.A.Z. vom 26. Juli). Tatsächlich fängt das Buch gut an. Dwights ironisch-skeptisches Selbstporträt, unterfüttert mit Hinweisen auf seinen deutschen Lieblingsphilosophen Otto Knittel, ein eigensinniges Gemisch aus Wittgenstein und Heidegger, versprüht Tempo, Witz und eine charmante, doch keineswegs unbedarfte Sorglosigkeit. Einmal eingetaucht in Dwights Bewußtseinsstrom, ist die temperamentvolle Mischung aus Wahrnehmungssucht, Selbstironie, Beichte, Angeberei und pamphletistischem Vor-sich-hin-Philosophieren ein intelligentes Vergnügen.

          Es währt genau hundertunddreißig Seiten, bis Dwight - von Pfizer gefeuert, von Vaneetha bedrängt und von der eigenen "Egolosigkeit" gelangweilt - nach Ecuador fliegt, in der vagen Absicht, dort Natasha, eine frühere Schulkameradin, zu treffen und, wenn schon nicht zu lieben, so doch immerhin zu beschlafen. Aus Gründen, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll und die auch im Buch lediglich vorgeschoben statt zwingend erscheinen, landet er statt dessen mit einer gewissen Belgierin namens Brigid im Dschungel, erkennt sich selbst und die Welt im dem Maße, wie er auf wundersame Weise seine Körperbehaarung verliert, und erlebt zwischen Riesenspinnen und Rucksacktouristen, Brigids konsumkritischen Ansprachen und der vermeintlich einsetzenden Wirkung von Abulinix eine höchst erstaunliche Initiation als halbwegs erwachsenes, also durchschnittlich männliches Mitglied der Erdbevölkerung.

          Doch während Dwight dank Brigid im zweiten Teil von seiner Bindungsscheu und seiner Ziellosigkeit erlöst wird und als neugeborener Sozialist gerade noch die Kurve kriegt, trägt es Benjamin Kunkel aus ihr heraus. So aberwitzig er Dwight in New York in seinem eigenen Saft schmoren läßt, so unbeholfen und konfus geht es zu, wenn dieser in Südamerika landet und in der Hitze eine Persönlichkeit ausbrütet. Das liegt nicht nur daran, daß der Roman da mit einem Mal versucht, eine Handlung zu schildern, was nur bedingt gelingt, sondern auch an der mit Versatzstücken und Klischees spielenden Sprache Kunkels: Im Dschungel Ecuadors wirken Dwights wurschtige Sprüche plötzlich nicht mehr originell, sondern lediglich albern, und so erscheint auch die Liebe, die zwischen Brigid und ihm beschworen wird, ebenso als Pose wie Dwights neue Philosophie, die Anti-Globalisierungs-Phrasen drischt, statt über den freien Willen zu sinnieren. Was als tollkühne Coming-of-age-Geschichte beginnt, endet als matte Persiflage eines Bildungsromans.

          Wie sagt Dwight einmal: "Einem Klischee entkommt man noch nicht, bloß weil man es als Klischee entlarvt hat. Seine Erfahrungen muß man trotzdem weiter so erfahren, als hätte das noch nie zuvor jemand getan." Das gilt auch für Benjamin Kunkels umjubelten Roman. Leider ist die Leseerfahrung wenig ergiebig.

          Benjamin Kunkel: "Unentschlossen". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Stefanie Röder. Bloomsbury Berlin Verlag, Berlin 2006. 314 S., geb., 19,90 [Euro].

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