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: Kieselsteine des Lebens

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Ein Dichter, heißt es bei Adam Zagajewski, der für die Poesie einen Ermäßigungstarif gelten lässt, setzt ihre Bedeutung herab. Wildheit fordert er ein, ursprüngliches Erleben und Teilhabe an der Schönheit. Ohne Leidenschaft gebe es kein großes Werk, sie stehe immer vor der Ironie. Selten hat man ...

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          Ein Dichter, heißt es bei Adam Zagajewski, der für die Poesie einen Ermäßigungstarif gelten lässt, setzt ihre Bedeutung herab. Wildheit fordert er ein, ursprüngliches Erleben und Teilhabe an der Schönheit. Ohne Leidenschaft gebe es kein großes Werk, sie stehe immer vor der Ironie. Selten hat man in den letzten Jahren ein Plädoyer dieser Art gelesen, ein Plädoyer für das Visionäre, die Leidenschaft, das Begehren in der Dichtung. Unter den westlichen Dichtern und Intellektuellen ist diese Sichtweise verpönt, Ironie gehört längst zum festen Sprachmobiliar und wird auch von den Dichtern eingefordert. Wohltuend ist deshalb das sinnliche Postulat des polnischen Dichters und Essayisten Adam Zagajewski in vielfacher Hinsicht.

          1945 in Lemberg geboren, lebt Zagajewski heute in Krakau und lehrt in Amerika. Eine typische mitteleuropäische Biographie, ein Leben mit vielen Nebenschauplätzen, Spurensuche, Sprachsuche - und immer ist es eine Suche mit den Mitteln der Poesie. Wenn Gedächtnis und Leben so eng miteinander verwoben sind, dann müssen sie auch in der Literatur eine große Rolle spielen. Erinnerung und Vergessen, dessen ist sich Zagajewski bewusst, hängen nicht nur miteinander zusammen, sie bedingen einander sogar. "Ich erinnere mich", heißt es an einer Stelle, "und versuche die Erinnerung zu bewahren, weil ich weiß, dass der Beginn des Erinnerns mit dem Beginn des Vergessens zusammenfällt."

          Mit geradezu zärtlicher Achtung umspielt Zagajewski in den Essays die Möglichkeiten, sich mittels Sprache der Vergangenheit und damit auch dem Leben zu nähern. Immer wieder bringt er den Begriff des "kleinen Gedächtnisses" ein, das wie ein eifriger Gefährte dem schreibenden Autor zuarbeitet. Dahinter verbirgt sich Demut, aber auch das Wissen um die Wichtigkeit der kleinen Dinge, um die Welthaltigkeit des Kieselsteins, wie sie sein polnischer Dichterkollege Zbigeniew Herbert besungen hat. Die Stimme der kleinen Dinge zu hören hat mit der Fähigkeit zu tun, in der Stille und ohne Worte betrachten zu können. Natürlich müsse der Dichter auch Handwerker sein, schreibt Zagajewski in dem Aufsatz über Herbert, aber damit allein komme man nicht weit. "In Zeiten der Dürre hilft der Notizblock dem Dichter nicht viel; er ist wie ein Glas Wasser in der Sahara." Was nütze einem die Werkstatt, wenn die Inspiration fehle.

          Über die lesenswert eigensinnigen "Anmerkungen zum hohen Stil" und "Die Verteidigung der Leidenschaft" hinaus ist etwa der Essay über "Nietzsche in Krakau" eine Fundgrube für heutige Leser. Welche Rolle ein Denker wie Nietzsche im kommunistischen Polen für Lektürehungrige wie Zagajewski gespielt hat, bleibt, neben der intellektuellen Suche, eine berührende Hommage an die geistige Kraft der Freiheit. "Vernunft und Rosen", ein anderer Text in diesem Buch, widmet sich dem anderen großen Dichterkollegen, dem Nobelpreisträger Czeslaw Milosz. Immer wieder huldigt Zagajewski seinen Schriftstellerkollegen, die er hier gebührend porträtiert. Vor allem bei den eigenen Landsleuten fällt die geistige Nähe auf, zuweilen aber auch bei anderen mittel- und osteuropäischen Lyrikern und Denkern. Immer wieder stößt Zagajewski auf das Thema "Gedächtnis". Ein Zufall ist das keineswegs, handelt es sich vor allem um Dichter, die etwa im Falle von Milosz Beispiele der Emigration darstellen. Trotz harter Lebensumstände haben sich diese Autoren nicht als Opfer der Geschichte angesehen, sondern diese im Gegenteil als Herausforderung verstanden, als Gelegenheit, in ihr die eigene Stimme zu hinterlassen. Die eigene Herkunft spielt auch nach Jahrzehnten des Fortbleibens und stets wieder verschobener Grenzen immer noch eine große Rolle.

          Dabei verteidigt Zagajewski wie Milosz die religiöse Dimension des Lebens, das "Recht auf Unendlichkeit", wie es bei ihm heißt; solche Formulierungen verzweigen sich in den Essays wie Baumwurzeln und werden von neuem umspielt, auch dann, wenn er etwa einzigartig humorvoll junge Dichter dazu aufruft, die eigenen Feinde genau zu lesen. Aber der Humor hat einen ernsten Hintergrund, das Lesen ist für ihn Nahrung, Lebenselixier. Das verbindet ihn mit Autoren wie Danilo Kis, Zbigeniew Herbert oder eben Milosz. An einer Stelle sagt Zagajewski über ihn, er gehöre zu den Dichtern, deren Werk nicht nach Rosen dufte, sondern nach Verstand. Diesen Verstand teilt er mit ihm, aber es ist kein Verstand, in dem die Logik die große Schwester aller Dinge ist. In diesem Verstand ist genug Platz auch für das Ungreifbare, genug Kraft, um zu verstehen, dass, wie es einmal bei Milosz paraphrasierend heißt, die Vernunft eine Gabe Gottes ist und dass wir an ihre Fähigkeit, die Welt zu erkennen, glauben sollten.

          Dass Zagajewski in seinem Denken einem ebensolchen Echoraum aufgrund seiner Eingebundenheit in die Tradition der polnischen Literatur nachspürt, ist an vielen Stellen nachlesbar. Einzigartig ist die Intensität, mit der er wie ein Pionier auf die Felder der Poesie hinauszieht, um sie mit allen Mitteln zu verteidigen. Übrigens auch mit einem Text, der den provokanten Titel "Gegen die Poesie" trägt. Vor diesem Hintergrund erscheint seine ein wenig barsche Kritik an dem rumänisch-französischen Schriftsteller und Denker Emil Cioran verständlich, aber nicht unbedingt an jeder Stelle nachvollziehbar. Cioran gab das Rumänische auf und schrieb in französischer Sprache. Streng geht Zagajewski mit ihm ins Gericht, unnötigerweise wirft er ihm sogar Zynismus vor. Cioran war vieles, ein schwermütiger Prediger, ein Atheist, ein somnambuler Sprachschwelger, vielleicht auch ein Schwindler, aber er war kein Zyniker, war er sich doch stets seiner Schwächen bewusst und hat sie auf humorvoll absurde Weise reflektiert.

          Doch hinter Zagajewskis Kritik verbirgt sich eine ernsthafte andere Fragestellung, nämlich die nach dem Schreiben in fremder Sprache. Zagajewski weiß, dass das Schreiben in einer anderen Sprache auch bedeutet, dass man sich in deren Tradition bewegt. Das ist absurderweise auch sein Hauptvorwurf. Er unterstellt Cioran Eitelkeit und das Streben nach einer französischen Kühle, die er in seiner Muttersprache nicht mitbringt. Doch die Strenge Zagajewskis scheint auch eine Art Selbstgespräch und eine Positionierung zu sein, die am Ende zugleich liebenswert wie gemein ist. Man sollte ihm die Kritik deshalb nicht verübeln, sagt er doch über das Unglück unserer Zeit, es liege darin, dass wer sich nicht irrt, irrt, und wer irrt, recht behält.

          MARICA BODROZIC

          Adam Zagajewski: "Verteidigung der Leidenschaft". Essays. Aus dem Polnischen von Henryk Bereska, Bernhard Hartmann und Olaf Kühl. Hanser Verlag, München 2008. 203 S., br., 17,90 [Euro].

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