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: Kieselsteine des Lebens

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Dabei verteidigt Zagajewski wie Milosz die religiöse Dimension des Lebens, das "Recht auf Unendlichkeit", wie es bei ihm heißt; solche Formulierungen verzweigen sich in den Essays wie Baumwurzeln und werden von neuem umspielt, auch dann, wenn er etwa einzigartig humorvoll junge Dichter dazu aufruft, die eigenen Feinde genau zu lesen. Aber der Humor hat einen ernsten Hintergrund, das Lesen ist für ihn Nahrung, Lebenselixier. Das verbindet ihn mit Autoren wie Danilo Kis, Zbigeniew Herbert oder eben Milosz. An einer Stelle sagt Zagajewski über ihn, er gehöre zu den Dichtern, deren Werk nicht nach Rosen dufte, sondern nach Verstand. Diesen Verstand teilt er mit ihm, aber es ist kein Verstand, in dem die Logik die große Schwester aller Dinge ist. In diesem Verstand ist genug Platz auch für das Ungreifbare, genug Kraft, um zu verstehen, dass, wie es einmal bei Milosz paraphrasierend heißt, die Vernunft eine Gabe Gottes ist und dass wir an ihre Fähigkeit, die Welt zu erkennen, glauben sollten.

Dass Zagajewski in seinem Denken einem ebensolchen Echoraum aufgrund seiner Eingebundenheit in die Tradition der polnischen Literatur nachspürt, ist an vielen Stellen nachlesbar. Einzigartig ist die Intensität, mit der er wie ein Pionier auf die Felder der Poesie hinauszieht, um sie mit allen Mitteln zu verteidigen. Übrigens auch mit einem Text, der den provokanten Titel "Gegen die Poesie" trägt. Vor diesem Hintergrund erscheint seine ein wenig barsche Kritik an dem rumänisch-französischen Schriftsteller und Denker Emil Cioran verständlich, aber nicht unbedingt an jeder Stelle nachvollziehbar. Cioran gab das Rumänische auf und schrieb in französischer Sprache. Streng geht Zagajewski mit ihm ins Gericht, unnötigerweise wirft er ihm sogar Zynismus vor. Cioran war vieles, ein schwermütiger Prediger, ein Atheist, ein somnambuler Sprachschwelger, vielleicht auch ein Schwindler, aber er war kein Zyniker, war er sich doch stets seiner Schwächen bewusst und hat sie auf humorvoll absurde Weise reflektiert.

Doch hinter Zagajewskis Kritik verbirgt sich eine ernsthafte andere Fragestellung, nämlich die nach dem Schreiben in fremder Sprache. Zagajewski weiß, dass das Schreiben in einer anderen Sprache auch bedeutet, dass man sich in deren Tradition bewegt. Das ist absurderweise auch sein Hauptvorwurf. Er unterstellt Cioran Eitelkeit und das Streben nach einer französischen Kühle, die er in seiner Muttersprache nicht mitbringt. Doch die Strenge Zagajewskis scheint auch eine Art Selbstgespräch und eine Positionierung zu sein, die am Ende zugleich liebenswert wie gemein ist. Man sollte ihm die Kritik deshalb nicht verübeln, sagt er doch über das Unglück unserer Zeit, es liege darin, dass wer sich nicht irrt, irrt, und wer irrt, recht behält.

MARICA BODROZIC

Adam Zagajewski: "Verteidigung der Leidenschaft". Essays. Aus dem Polnischen von Henryk Bereska, Bernhard Hartmann und Olaf Kühl. Hanser Verlag, München 2008. 203 S., br., 17,90 [Euro].

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