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Nobelpreisträger Imre Kertész : Wie sich der Einzelne gegen das Grauen behauptet

Imre Kertész (1929 bis 2016) im Sommer 1968 Bild: ADK/Imre-Kertész-Archiv

Das langsame Werden eines Meisterwerks: Frühe Arbeitstagebücher des ungarischen Nobelpreisträgers Imre Kertész zeigen, wie der „Roman eines Schicksallosen“ entstand.

          4 Min.

          Diese frühen Aufzeichnungen aus dem Nachlass des ungarischen Schrift­stellers Imre Kertész, geschrieben zwischen 1958 und 1962, handeln von der Entstehung seines Meisterwerks „Roman eines Schicksallosen“ (1975). Damit wird das Buch, für das der Autor den Nobelpreis erhielt – die Schilderung nationalsozialistischer Lager aus der Sicht eines vierzehnjährigen Jungen –, zu einem der bestdokumentierten Werke der Weltliteratur des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Mit „Aufarbeitung“, „Bewältigung“ und ähnlich klinischem Vokabular, mit dem die deutsche Sprache Rache zu nehmen scheint an jedem künstlerischen Willen, dem Unaussprechlichen eine ästhetische Form zu geben, hat der Roman allerdings wenig zu tun. Der Arbeitstitel, den der dreißig Jahre alte Autor im März 1960 findet, lautet „Ferien im Lager“. Ein böser Titel, ein früher Kertész-Sarkasmus, denn es handelt sich um die Deportation eines jüdischen Jungen nach Auschwitz und Buchenwald. Neun Monate bringt der vierzehnjährige Kertész dort zu, magert ab, sieht Elend und Tod, bevor er im April 1945 befreit wird.

          Bild: Verlag

          Er wolle seine „eigene Mythologie“ schreiben, notiert er 1960 unter dem Eindruck der Lektüre von Dostojewski, Camus und Thomas Mann, und das betrifft vor allem das im Lager gewonnene Bewusstsein, dass der Mensch, der dies erlebt hat, unwiderruflich ein anderer geworden ist, dass es „unmöglich ist, den ihm bestimmten Platz in der Welt der Ordnung wieder einzunehmen, den Platz, der einem Jungen zukommt, ihm, der das Wissen vom Tod in sich trägt“.

          Eine der originellsten Entscheidungen betrifft den Ton des Romans, der ja schon manchen Leser mit seiner Leichtigkeit schockiert hat, fast so als fehlte es dem Buch an existenziellem Ernst. Keine Rede jedenfalls vom Tremolo des Tragischen. „Ich muss eine Art kindliche Reinheit für die Erzählerstimme finden“, schreibt Kertész zu Beginn seiner Überlegungen. Statt eines Bewusstseins von Grauen und Genozid: das naive Staunen eines Jugendlichen, der die Welt so nimmt, wie sie ist. Sein Roman werde auf diese Weise „doppelt schmerzhaft“, glaubt der Autor, gerade weil „ich alles Grauenhafte daraus hinauswerfe und den Akzent auf die Poesie setze“. Das ist der bleibende Affront, die sprachlos machende Kühnheit dieses Romans: zu zeigen, was Auschwitz diesem einen Menschen geschenkt, nicht geraubt hat. Viel später, 1992, wird Kertész in seiner Wiener Rede über Jean Améry eine für sein eigenes Schreiben maßgebende, abermals schockierende Formel prägen: „Holocaust als Kultur“.

          Buchenwald, die Wahrheit seines Lebens

          Natürlich braucht er sehr lange, um dorthin zu kommen, auch wenn schon die frühesten Ideen für den Roman brillant sind, fast zu klug für das Buch, das sie ja erst werden sollen. Der größte Widerspruch seines Lebens besteht darin, dass er in Zusammenarbeit mit einem Freund erfolgreiche Komödien schreibt, die ihm die Existenz sichern, während seine wahre Ambition der Prosa gilt. Bis in die Mitte der Sechzigerjahre scheint die Glätte seiner Bühnenproduktion, gepaart mit dem Zwang zu Unterbrechungen, jede ernsthaftere Kunstbemühung zu verspotten, und seine harschen Urteile über das Theater jener Jahre – Brecht empfindet er als „hochstaplerisch, blöd, deutsch, großmäulig, leer“, Tennessee Williams als „Schrott, Kommerz, überholt“ – haben sicherlich mit seinem widerwillig geleisteten Schreibdienst zu tun.

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