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Kermanis „Große Liebe“ : Eine Woche für die Frau des Lebens

  • -Aktualisiert am

Erste Liebe sucht meist das Verborgene, obwohl sie danach drängt, in die Öffentlichkeit getragen zu werden: Navid Kermanis Roman erzählt eine solche Geschichte Bild: Masterfile

Eine Schulhofliebe in den achtziger Jahren, die in der Raucherecke begann: Navid Kermani erzählt von einem Fünfzehnjährigen, der sich leidenschaftlich in ein älteres Mädchen verliebt.

          3 Min.

          Der fehlende Artikel im Titel ist es, der Navid Kermanis Roman „Große Liebe“ gerade eben noch davor bewahrt, nach einem veritablen Groschenheft zu klingen. Indes: Diese Nähe ist vermutlich nicht ganz unbeabsichtigt, entspricht sie doch der leisen, liebevollen Ironie, die dieses Buch grundiert.

          In hundert Kapiteln, die anstelle von Seitenzahlen den Roman strukturieren und zugleich für hundert Schreibtage stehen sollen, ruft sich der Erzähler seine erste große, dreißig Jahre zurückliegende Liebe in Erinnerung. Fünfzehn Jahre war er damals alt, noch zu jung, um auf dem Schulhof in der Raucherecke zu stehen, was er allerdings trotzdem immerzu tat, um seiner Auserwählten nahe sein zu können. Die nämlich darf nicht nur unbehelligt hier stehen, während der Junge ein ums andere Mal von der Pausenaufsicht verscheucht wird. Sie hat sogar schon ein Auto. Die Aussichten für den um drei Jahre Jüngeren stehen also nicht zum Besten.

          Kein klassischer Coming-of-Age-Roman

          Und dennoch geschieht das Wunder. Dem Jungen gelingt es, die „Schönste des Schulhofs“ nicht nur zu küssen, sondern auch drei aufwühlende, wenn auch, was die Umsetzung seiner körperlichen Leidenschaften angeht, noch nicht vollends ausgereifte Nächte mit ihr zu verbringen: in einem von Räucherstäbchenduft gesättigten Zimmer ihrer WG, während in der Küche die Mitbewohner über neue Aktivitäten in Sachen Friedensbewegung diskutieren.

          Aber auch wenn Kermani das Klima der frühen achtziger Jahre bis in die letzten Details und Gerüche heraufbeschwört (allein die Artur-Karten!), hat er alles andere als einen jener klassischen, zwischen Nostalgie und Klamotte pendelnden Coming-of-Age-Romane geschrieben. Genauso wenig, wie in diesem Roman tatsächlich die „Schönste des Schulhofs“ als größte Liebe im Leben des Erzählers verewigt werden soll. Kermani spürt dem Zustand oder besser: den Zuständen des Liebenden nach, nicht der Person, die sie auslöst. Deshalb bietet die Kluft, die sich zwischen der Formulierung von der „großen Liebe“ und einer kaum eine Woche dauernden Liaison auftut, ein durchaus passendes Terrain für diese Untersuchung.

          Die Alltagstauglichkeit islamischer Liebesmystiker

          Es geht um die rekapitulierende Erkundung der allumfassenden Auflösung klarer Denkstrukturen und des vernünftigen Handelns, um den Ausbruch von Maßlosig- und Peinlichkeiten, sprich: um all jene emotionalen Ausschläge, die mit dem Lieben einhergehen oder womöglich sogar mit ihm identisch sind. Um die Frage mithin: Was passiert mit jemandem, der liebt?

          Eine nicht unwesentliche Fallhöhe kommt dadurch ins Spiel, dass der Erzähler dem, was seinem fünfzehnjährigen Jungen in einer protestantischen westdeutschen Kleinstadt widerfährt, die Aufzeichnungen islamischer Liebesmystiker aus dem zwölften und dreizehnten Jahrhundert an die Seite stellt. Das ist ein Textkorpus, mit dem Kermani durch seine wissenschaftliche Arbeit bestens vertraut ist. Hier nun wird dieser auf seine Alltagstauglichkeit geprüft. Und umgekehrt: die Liebe eines Pubertierenden auf ihren mystischen Gehalt.

          Bild: Verlag

          Aber kann man diese beiden Erfahrungen gleichsetzen? Oder ist der eine, der mystische, ein heiliger Ich-Verlust, der andere dagegen, der des Pubertierenden, nichts weiter als banal? Der Leser, so mutmaßt der Erzähler, wird ebendies annehmen. Um diese Annahme zu widerlegen, bekundet der Erzähler gleich zu Anfang seiner Aufzeichnungen, habe er zu schreiben und sich zu erinnern begonnen.

          Zu entscheiden, ob ihm seine Beweisführung gelingt, ist für den Roman nicht wesentlich. Entscheidender ist die Frage, warum der Erzähler überhaupt diese Annäherung an den Fünfzehnjährigen, der er einmal gewesen ist, unternimmt. Und darüber hinaus den Brückenschlag zur Literatur anderer Jahrhunderte vollzieht, während er die eigenen Tagebuchaufzeichnungen so unerträglich findet, dass er sich die Lektüre lieber erspart.

          Der Sohn verschmäht der Gutenachtgruß

          Die Sehnsucht nach den im Leben eines geschiedenen Mittvierzigers eher raren emotionalen Wallungen mag ein Anlass sein. Weitaus dringlicher aber scheint ein anderer: der Versuch, sich dem eigenen fünfzehnjährigen Sohn anzunähern, der gerade dabei ist, sich dem Vater mehr und mehr zu entziehen, der den Gutenachtgruß verschmäht oder den liebevoll arrangierten Geburtstagstisch.

          Der Sohn zieht es vor, seinen Ehrentag in einer Coffeeshop-Kette zu beginnen. Mit einem Mädchen vielleicht? Der konsterniert zurückgelassene Vater kann nur spekulieren, genauso wie es seine eigenen Eltern machen mussten, als der Erzähler seine große Liebe erlebte und ohne Ankündigung und Erlaubnis nachts ausblieb, um am nächsten Morgen aufgelöst und stumm wieder vor der Tür zu stehen.

          Unnötiger Riegel vor sehnsüchtigen Gefilden

          Gerade dieser zaghafte Versuch des Erzählers, im Schreiben dem eigenen Sohn wieder näherzukommen, macht Kermanis Roman bei aller vielleicht etwas opulenten konzeptuellen Orchestrierung und der mitunter etwas gewollt gespreizten Sprache zu einer wundervoll doppelbödigen Reflexion gar nicht nur über das Lieben, sondern mehr noch über die Angst vor dem Verlust. Wie Kermani im Zuge dessen, vollends ohne Satire, die Mentalität einer im Grunde natürlich herrlich provinziellen Friedensbewegung wiedererstehen lässt, das ist nicht nostalgisch, sondern melancholisch: Dieses unschuldige Entflammtsein scheint heute kaum mehr möglich.

          Hin und wieder allerdings verhaut Navid Kermani sich auf der Klaviatur, lässt seinen Erzähler plötzlich einen zotigen Ton anschlagen, etwa wenn er das gemeinsame Verschwinden im Zimmer der „Schönsten des Schulhofs“ mit dem abschließenden Kommentar versieht, dass sie stundenlang nicht mehr gesehen wurden. „Aber gehört hat’s jeder.“ Womöglich wollte er mit solchen Einschüben dem allzu ungebrochenen Abdriften in sehnsüchtige Gefilde einen Riegel vorschieben. Bedurft hätte es dieses Riegels nicht.

          Navid Kermani gelingt mit seinem neuen Roman eine wundervoll doppelbödige Reflexion über die Angst vor dem Verlust.
          Navid Kermani gelingt mit seinem neuen Roman eine wundervoll doppelbödige Reflexion über die Angst vor dem Verlust. : Bild: Fricke, Helmut

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