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Ken Follett : Von Nonnen und Rittern

Erfolgsgarant: Ken Follett Bild: dpa

Seit „Die Nadel“ kauft die Thriller-Fangemeinde jedes neue Buch Ken Folletts. Nun ist die seit neunzehn Jahren ersehnte Fortsetzung seines Historienschmökers „Die Säulen der Erde“ erschienen. Das Warten hat sich gelohnt.

          Manche Autoren sind einfach eine sichere Bank. Ken Follett ist so einer: Seit „Die Nadel“ kauft die Thriller-Fangemeinde jede Neuerscheinung. Nur die Anhänger seines Historienschmökers „Die Säulen der Erde“ scharren seit nunmehr neunzehn Jahren vernachlässigt und ungeduldig mit den Hufen: Schreibt er nicht vielleicht doch eine Fortsetzung? Und wann endlich?

          Jetzt ist die Fortsetzung da, und noch bevor man überhaupt die erste Seite aufblättert, ist klar: Sie wird sich phantastisch verkaufen. 3,8 Millionen Exemplare wurden vom Vorgänger allein im deutschsprachigen Raum verkauft, und schnell vergessen haben die Leser das Werk auch nicht. Bei der ZDF-Sendung „Unsere Besten“ wählten sie es 2004 auf Rang drei ihrer Lieblingsbücher - nach der Bibel und dem „Herrn der Ringe“, um dessen Verfilmung damals ein großes Getue gemacht wurde. „Die Tore der Welt“, das mit einer Auflage von einer halben Million Exemplaren veröffentlicht wird, fällt also auch noch etliche Jahre später auf fruchtbaren Boden.

          Schreiben wie ein Soldat

          Hinzu kommt, dass Follett damals nicht etwa zufällig eine schreiberische Sternstunde hatte. Der Brite schreibt seit Jahren wie ein Soldat zu festen Zeiten, legt zu Beginn Storyboard, Seitenanzahl und Zeitplan bis zur Drucklegung fest. Für ein Schwanken zwischen Genie und Wahnsinn ist da kein Platz. Follett ist ein Handwerker, der weiß, dass die meisten seiner Leser eine Sprache schätzen, die von der Geschichte nicht ablenkt. Es gibt keine Metaphern, keine Schwelgereien, keine ungewöhnlichen Wörter. Dafür drückt der Autor sich gerne und häufig plastisch aus. Sei es eine der etlichen, detaillierten Sexszenen, sei es die minutiös dargelegte Häutung eines Mannes auf dem Richtplatz - als Erzähler schreckt Follett vor nichts zurück.

          Allerdings sind es diesmal andere Figuren, an deren Intim- und sonstigem Leben wir teilhaben. Die Protagonisten von „Die Säulen der Erde“ kamen nicht für eine Fortsetzung in Frage, da sie entweder im Laufe der Romans starben oder am Ende zu alt waren für einen weiteren Schmöker. Daher übersprang Follett zweihundert Jahre und stellt nun die Nachfahren der Originale in den Mittelpunkt des Geschehens. Für diese macht er ein großes Fass auf: Von Baukunst über Krieg, Entwicklung der modernen Medizin, Kirchenkritik und Unterdrückung der Bauern bis hin zum Ungleichgewicht zwischen geistlichen und weltlichen Herren ist alles dabei, was das Mittelalter bewegte.

          Umfangreich und informativ

          In Anbetracht dieses thematischen Rundumschlags rechtfertigt sich auch der Umfang - wenn man dieses Buch gelesen hat, muss man nie wieder einen Roman über England im vierzehnten Jahrhundert in die Hand nehmen. Doch Follett schreibt nicht nur umfangreich, sondern auch informativ. Drei Historiker waren mit der Verifizierung der geschichtlichen Details betraut; Folletts eigene Recherchen gingen dem voraus. Wie ein Drittel der Bevölkerung durch die Pest dahingerafft wird und die Überlebenden das Vertrauen in eine Medizin verlieren, die aus Breiumschlägen und Aderlässen besteht, ist anschaulich erzählt und historisch belegt.

          Die geschichtlichen Details verbindet der Autor mit seinen so zahlreichen wie unterschiedlichen Hauptfiguren. Da ist zum einen Caris, die ins Kloster gehen muss, um einer Verbrennung als Hexe zu entgehen - an ihr entwickelt sich der Medizin-Strang. Ihr Geliebter Merthin ist Architekt, perfektioniert Fundamente und beschäftigt sich mit europäischen Baustilen. An der Dörflerin Gwenda zeigt sich die extreme Armut der Leibeigenen, der unbeherrschte Ritter Ralph bildet den Gegenpol dazu: Der Adel darf weitgehend unkontrolliert morden, vergewaltigen und Macht ausüben. Die Kirchenvertreter kommen ganz schlecht weg, werden sie doch verkörpert von den intriganten Mönchen Philemon und Godwyn. Von Letzterem behaupteten zahlreiche britische Rezensenten, Ken Follett habe ihn Tony Blair nachempfunden. „Denken Sie an den Politiker, den Sie am wenigsten mögen - dann haben Sie Godwyn“, erklärte Labour-Mitglied Follett daraufhin süffisant. Er habe durchaus auch an Tony Blair gedacht.

          Allemal gut gemacht

          Vielleicht gehören die negativen Figuren deshalb zu den plastischsten. Merthin dagegen bleibt eher blass. Das liegt auch daran, dass er im Schatten von Caris steht. Einmal mehr hat Follett eine Frau zu seiner Heldin bestimmt und ihr eine Karriere angedichtet, die kaum noch als realistisch gelten kann. Durch ihre Entschlossenheit steigt Caris zur Leiterin des Nonnen- und sogar des Mönchsklosters auf, bekämpft die Pest, baut ein Hospital, verliert es wieder, schreibt ein Buch über Heilmethoden und entgeht immer wieder ihren einflussreichen Feinden, die sie eher heute als morgen am Galgen sehen möchten.

          Man kann dieses Genre für trivial halten oder nicht - gut gemacht ist „Die Tore der Welt“ allemal. Auch wenn die Geschichte eine Weile braucht, um in die Gänge zu kommen, wird ihr Fortgang doch bald interessant genug, um immer wieder eine Seite umzublättern. Wenn es also ein historischer Roman sein soll, ist man mit diesem gut bedient. Oder eben mit dem Vorgänger: Die amerikanische Moderatorin Oprah Winfrey wählte „Die Säulen der Erde“ gerade als Empfehlung ihres Buchclubs.

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