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Ken Follett: Sturz der Titanen : Die Renaissance des Schützengrabens

Bild: Lübbe

Braucht die Welt eine weitere Romanschwarte von Ken Follett? Und auch noch eine über den Ersten Weltkrieg? Unbedingt: In diesem Riesenwerk ergänzen sich Unterhaltung und historischer Unterricht perfekt.

          Das hat es hierzulande nach Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ aus dem Jahr 1929 oder Ernest Hemingways „In einem anderen Land“ von 1930 nicht mehr gegeben: Seit seinem Erscheinen vor gerade einem Vierteljahr steht mit Ken Folletts „Sturz der Titanen“ ein Roman auf den allerersten Plätzen der Publikums- und Käufergunst, dessen Thema der Erste Weltkrieg ist - und das über gut tausend Seiten hinweg. Bis Weihnachten werden annähernd 600 000 Exemplare verkauft sein.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist mehr als erstaunlich. Was immer die deutschen Romanleser in den vergangenen Jahrzehnten auch beschäftigt und angezogen hat: Die Zeit zwischen 1914 und 1918/19 gehörte gewiss nicht dazu. Für die deutschen Schriftsteller gilt das nicht minder. Der Erste Weltkrieg blieb den Historikern überlassen, in der Folge von Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“ von 1961 auch dem politischen Diskurs.

          Die Engländer lieben den ersten Weltkrig - als literarisches Thema

          Ganz anders in Großbritannien. Dort ist der Erste Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis „The Great War“ geblieben - und mit ihm geblieben sind jene zeitgenössischen „War Poets“ wie Rupert Brooke, Wilfred Owen oder Siegfried Sassoon, die bis heute in keiner Lyrik-Anthologie fehlen. Bis heute aber ist diese Vergangenheit auch eine ganz aktuelle literarische Herausforderung. William Boyd, Louis de Bernieres und Pat Barker haben sich in jüngerer Zeit mit ihr auseinandergesetzt. „Birdsong“ heißt der 1993 erschienene Roman von Sebastian Faulks über die Westfront. In England sofort ein Spitzentitel, ist das Buch inzwischen ein veritabler Longseller - von der deutschen Übersetzung hingegen (“Gesang vom großen Feuer“, 1997) nahm nahezu niemand Notiz.

          Natürlich liegt es auf der Hand, warum mit dem Ersten Weltkrieg in unseren Breiten literarisch wie verlegerisch nichts zu gewinnen ist - Deutschland hat ihn nicht nur verloren, sondern sich als fatale Konsequenz aus der „Urkatastrophe des Jahrhunderts“ (George F. Kennan) mit dem Nationalsozialismus, dem von ihm entfesselten Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust noch gewaltigere Untergänge und für immer gegenwärtige Verbrechen eingehandelt. Damit hat sich unsere Literatur seit 1945 befasst - und eindrückliche Zeugnisse hervorgebracht. Als literarisches Sujet erlosch der Erste Weltkrieg hingegen mit dem Tod jener Autoren, die als Soldaten noch an ihm teilgenommen hatten - Ernst Jünger, der 1998 mit 102 Jahren starb, war bei weitem der Letzte unter ihnen.

          Woher das plötzliche Interesse auch in Deutschland?

          Warum also interessieren sich die bis dato 550 000 Leser, die Folletts „Sturz der Titanen“ zum stattlichen Preis von 28 Euro erworben haben, nun plötzlich wieder brennend für das Attentat auf den österreichischen Thronfolger, den Schlieffen-Plan, die Schlachten von Tannenberg oder an der Somme, für den Kampf um Verdun oder den uneingeschränkten U-Boot-Krieg?

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