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Kempowski-Ausstellung : Ihm ging's ja nicht gold

Walter Kempowski mit dem Manuskript zu seinem ersten Buch „Im Block” Bild: Akademie der Künste

Die Öffentlichkeit hat etwas gutzumachen an Walter Kempowski, dem lange unterschätzten Schriftsteller und Gedächtnisarchivar. In Berlin tut dies jetzt die Ausstellung „Kempowskis Lebensläufe“, die einen Blick in das gewaltige zeitgeschichtliche Archiv des Erinnerungskünstlers erlaubt.

          Im Roman „Hundstage“ von 1988 gönnt Walter Kempowski seinem Alter Ego ein besonderes Vergnügen: Sowtschick sieht sich die „Feuerzangenbowle“ an. Der an sich harmlose Vorgang wird vom Erzähler so eingeleitet: „Und nun tat Sowtschick etwas, das niemand wissen durfte.“ Der Abspann hält Worte bereit, die Sowtschick zum Weinen bringen - deshalb sieht er sich den Film ja heimlich an: „Wahr sind nur die Träume, die wir spinnen, und die Erinnerungen, die wir in uns tragen. Damit müssen wir uns bescheiden.“

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Anfang 1990 macht Kempowski sich auf in die alte Heimat. Das Tagebuch „Hamit“ vermerkt unter dem 5. Januar 1990 eine der vielen uns zunächst nicht weiter tragisch erscheinenden Begebenheiten: Der späte Besucher bekommt Einsicht in eine Literaturgeschichte, in der auch „Tadellöser & Wolff“ vorkommt. Die Autorin mokiert sich darin über „Kempowskis Unverständnis für die revolutionäre Umgestaltung im Osten Deutschlands und der DDR“, kleinbürgerliche, antikommunistische Tendenzen. Wusste sie nicht, dass Kempowski der Umgestaltung acht Jahre Haft zu verdanken hatte? Kempowski erwähnt das selber gar nicht erst und schiebt in einer Notiz das eigentlich Ungeheure nach: „Diese Hochschullehrerin veröffentlicht neuerdings das Buch ,Gemütlichkeit. Erinnerungen an Kindheit und Jugend'. Hätte mir eigentlich einen Brief schreiben können, dass es ihr leid tut.“

          Wiedergutmachung an dem Gedächtniskünstler

          Es tat auch anderen nicht leid, was man mit Walter Kempowski gemacht hat. Eine Öffentlichkeit, die sich nicht darüber wundert, dass Autoren aus dem linken Lager jetzt selber „gemütlich“ geworden sind, die es ihnen vielmehr als „Tabubruch“ gutschreibt, wenn sie sich mit Heimat, Flucht und Vertreibung befassen - eine solche Öffentlichkeit hat an Kempowski etwas gutzumachen.

          Aus dem Archiv des Gedächtniskünstlers: Karton mit Negativrollen

          Die Ausstellung „Kempowskis Lebensläufe“ wurde am Samstag in der Berliner Akademie der Künste in dem Bewusstsein eröffnet, wie nötig dies in der Tat ist. Während Bundespräsident Horst Köhler den Schriftsteller noch ebenso gutgemeint wie gönnerhaft zu vereinnahmen versuchte - „Wir sind stolz auf Walter Kempowski“ - und Martin Mosebach in seiner fabelhaften Laudatio, die wir nebenstehend dokumentieren, das Abgründige bei Kempowski in den Blick rückte, wies Klaus Staeck, Akademie-Präsident, in einer etwas selbstbezüglichen Rede die Richtung, in der Wiedergutmachung (auch) geschehen könnte: indem man den Gedächtniskünstler, den größten zweifellos, den Deutschland hervorgebracht hat, ernst nimmt, indem man ihm seine Gefühle bei der Erinnerung, die ja meistens schmerzliche sind, lässt und nicht als kleinbürgerliche Distanzlosigkeit abtut.

          Häftling, Schriftsteller, Archivar

          Wie sehr Kempowski gelitten haben muss, während Kollegen für literarisch unerheblichere Erinnerungsleistungen gefeiert wurden, ließ noch das Grußwort erkennen, das der Sohn Karl-Friedrich für den abwesenden, schwerkranken Vater verlas: Die Ausstellung lasse vieles vergessen, nicht alles. „Kempowskis Lebensläufe“ also: Die von Dirk Hempel kuratierte Ausstellung verfährt nach dem Eisbergprinzip - die unter rund dreieinhalb Millionen Dokumenten ausgewählten 1600 Exponate bringen uns auf erwartbare, aber schlüssige Weise unter wohltuendem Verzicht auf Multimediaschnickschnack den Häftling, Pädagogen, Schriftsteller und Archivar nahe. In Holzzellen sieht man die alten Treter, die Kempowski trug, als er 1956 aus Bautzen freikam; eine erstaunlich niedrige Zellentür aus dem Untersuchungsgefängnis; Zeichnungen, die Talent verraten; Briefe.

          Die Haupträume zeigen übersichtlich und kompakt den Werdegang: Studium in Göttingen, der von Fritz J. Raddatz bei Rowohlt betreute Haftbericht „Im Block“, die Dorfexistenz des gewissenhaften, theoriefernen Pädagogen, das Nartumer Haus Kreienhoop; dann die von Akademiemitgliedern gelesenen Tagebuchstellen vom 1. Januar 1943 aus dem „Echolot“, die hier, anders als im Buch, etwas beiläufig wirken; dazu die nicht minder manisch gesammelten Fremdbiographien und Fotos. Auch der Rest ist Geschichte - bis hin zum jüngsten Roman „Alles umsonst“.

          „Archiv“ wollte er werden

          Irgendwann stößt man auf den Ausspruch des Zehnjährigen und ist gerührt: „Archiv“ wollte er werden! Das ist ihm, wie fast alles, was er sich vorgenommen hat, gelungen. Die aus dem gewaltigen Kempowski-Archiv, also aus dem Vollen schöpfende Ausstellung beweist es handgreiflich; sie ist das Material gewordene Gedächtnis eines Jahrhundertautors.

          Kempowski hält im Tagebuch vom 5. Januar 1990 noch etwas fest, das im Roman niemand wissen durfte: Man sieht sich gemeinsam die „Feuerzangenbowle“ an, Kempowski spricht auswendig mit. Dann kommt der Epilog. Sein Kommentar: „Wem da nicht die Tränen fließen, dem ist nicht zu helfen.“

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