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Neuer Roman : Gebt Salman Rushdie den Nobelpreis!

Bild: Caro / Waechter

Sein neuer Roman „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ ist schwach und bietet bloß verquere Mythen- und Zahlenspielerei. Doch Salman Rushdies wichtigste Bücher sind Weltliteratur und verdienen allerhöchste Ehre.

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          Nein, für den neuen, mittlerweile zwölften Roman, der nun unter dem Titel „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ erscheint, darf Salman Rushdie weder Lob noch Preis erwarten. Es handelt sich um literarisches Allotria, bei dem der Autor seiner im vergangenen Jahrzehnt offenbar unbändig gewordenen Lust aufs ganz große und ganz freischwebende Fabulier- und Fantasyspektakel wieder ungezügelten Lauf lässt und damit den ob der unentwegten Handlungs- und Konstruktionskapriolen sehr rasch ermüdenden elften Roman, „Luka und das Lebensfeuer“ (2011), durchaus nicht übertrifft.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Für die Obsession, es einem Tolkien oder einer Rowling, zumindest aber Hollywood-Epen wie „Ghostbusters“, „Krieg der Sterne“ oder „Krieg der Welten“ einigermaßen gleichzutun, wirft Rushdie – es grenzt an Mutwillen, ist aber nicht untypisch für Nebenwerke – vieles von dem über Bord, was seine vier großen Romane – „Mitternachtskinder“ (1983), „Scham und Schande“ (1985), „Die Satanischen Verse“ (1989) und „Des Mauren letzter Seufzer“ (1996) – ebenso auszeichnet wie die vor drei Jahren publizierte Ausnahme-Autobiographie „Joseph Anton“ und nicht wenige der glanzvollen Essays – jüngst etwa das eminente Werk- und Charakterporträt des 2014 gestorbenen Jahrhundertautors Gabriel García Márquez.

          Repräsentant unserer Zeit

          Ihnen allen gemein ist die Maßgenauigkeit des Schreibens angesichts der Maß-, Fassungs- und Formlosigkeit des Mitzuteilenden, ist die emphatische Verankerung der mythischen wie magischen Einfälle und Erzählschichten in der Realität einer heillos verworrenen, dafür desto luzider dargestellten und reflektierten Gegenwart und schließlich die Brillanz eines Stils, dessen Sprach- und Formenreichtum stets auf den Grundton einer so duldsamen wie streitbaren Humanität gestimmt bleibt.

          Es sind diese Werke, die den gerade 68 Jahre alt gewordenen Salman Rushdie zum repräsentativen Schriftsteller unserer Zeit machen. Ihretwegen hat er in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche, darunter höchst renommierte Preise erhalten, weshalb es besonders auffällt, dass der repräsentativste und trotz der Dauerskepsis gegenüber seiner Auswahl- und Vergabepraxis auch renommierteste von allen, der Nobelpreis für Literatur, nicht unter ihnen ist. Es ist an der Zeit, dass die Schwedische Akademie Salman Rushdie damit ehrt. Am besten: jetzt gleich, in diesem Herbst.

          Im Schatten der Schande

          Längst haben die „Mitternachtskinder“ Klassikerstatus erlangt. Die Geschichte von Saleem Sinai und den Seinen, von ihm selbst erzählt, war zum Zeitpunkt ihres ersten Erscheinens für westliche Leser – aber keineswegs nur für sie – etwas ungeheuer Neues. Der indische Subkontinent, poetisch präsent, aber auch nostalgisch verklärt etwa durch Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“, Hermann Hesses „Siddhartha“ oder E.M. Forsters „Auf der Suche nach Indien“ gewann hier eine ganz eigene, unmittelbar gegenwärtige und radikal anti- wie postkoloniale Stimme. Rushdie, der sie ihm lieh, hatte seinerseits von den Vorbildern, zumal von García Márquez und Günter Grass, eine epochemachende Erzählweise adaptiert und originär fortentwickelt: den Magischen Realismus.

          Zum Virtuosen des Genres aus ganz eigenem Recht wurde er nach der Zwischenstation des heftigen und harten Pakistan-Romans „Scham und Schande“ dann just mit den „Satanischen Versen“. Deren literarische Genialität nahm man zunächst kaum wahr, dann stand sie sehr lange im Schatten des Skandals und der Schande, die im Februar 1989 mit der Todes-Fatwa des Ajatollah Chomeini begannen, Rushdies japanischen Übersetzer das Leben kosteten, dessen italienischen Kollegen und den norwegischen Verleger des Buchs schwerverletzt überleben ließen und den Autor selbst in ein zehnjähriges Abtauchen unter den Schutzschirm des britischen Geheimdienstes nötigten.

          Œuvre mit bleibender Aktualität

          Worum es sich bei diesem Werk handelt, hat keiner prägnanter und präziser formuliert als der säkulare Muslim und syrische Philosoph Sadik Al-Azm (der sich in unserer heutigen Ausgabe zu Adonis äußert, siehe vorige Seite). Im Essay „The Satanic Verses Post Festum“ aus dem Jahr 2000 erklärte Al-Azm das Buch zum „transkulturellen, transnationalen, transkontinentalen Welt-Roman par excellence“ und erkannte in ihm das zentrale ästhetische Dokument des globalen Zeitalters, weil es „den muslimischen Osten und den säkularen Westen zum allerersten Mal in eine religiöse, politische und literarische Kontroverse“ zwang, damit auf lange Sicht und auf einer höheren Ebene aber womöglich miteinander zu verbinden begann.

          Auch im weitgespannten, vom Indien der Gegenwart ins arabisch-muslimische Spanien des fünfzehnten Jahrhunderts zurückreichenden Familienroman „Des Mauren letzter Seufzer“ sowie im Selbstbericht „Joseph Anton“, der fraglos an die autobiographischen Bände von Elias Canetti, dem Literaturnobelpreisträger von 1981, heranreicht, hat Salman Rushdie über Themen gehandelt und von Schicksalen erzählt, die sich mit kollektiver Vertreibung und massenhafter Migration, mit pluraler, vielstimmiger Kultur und exkludierender Intoleranz, mit religiös fundiertem oder drapiertem Terror verbinden. Sein Œuvre könnte aktueller nicht sein, obwohl es sich jeder vordergründigen Aktualität entzieht – sich dafür jedoch gewiss sein darf, zu den bleibenden Manifestationen unserer Gegenwartsliteratur zu gehören.

          Immer kommen 1001 Nächte raus

          Für Rushdies große Romane konstitutiv ist das Scheherazade-Motiv. Unmittelbar wirksam ist es für Saleem Sinai aus den „Mitternachtskindern“ und Moraes Zogoiby, Hauptfigur des „Mauren“-Romans: Beide erzählen, stets im Angesicht des eigenen Todes, buchstäblich um ihr Leben. Der neue Roman spielt gleich im Titel auf Scheherazade an: Seine „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ ergeben eben haargenau „tausendundeine Nacht“. Aber wie es für minore Werke gang und gäbe ist: Rushdie kann sich dieses Mal gar nicht mehr trennen von seiner Hommage an das orientalische Geschichtenfüllhorn. Alles, was seinen Figuren nun zupass- oder in die Quere kommt: Immer kommen 1001 Tage und Nächte dabei heraus.

          Also währt, wir sind am Ende des zwölften Jahrhunderts im spanischen Provinzkaff Lucenda, die Liebesgeschichte zwischen dem Philosophen Ibn Ruschd alias Averroës und dem Flaschen-, Lampen-, Polter-, gerne indes auch betörende Menschenweiblichkeit annehmenden Metamorphosengeist mit Namen Dunia genau die sprichwörtliche Scheherazaden-Spanne lang.

          Also benötigt die „Zeit der Seltsamkeiten“, die wir uns kurz nach den Anschlägen des 11. September 2001 vorzustellen haben und die sich in London, vor allem aber in New York mit permanenten Blitzkaskaden, Straßenaufbrüchen und einstürzenden Alt- wie Neubauten Bahn bricht, just die nämliche Zahl an Sonnenaufgängen und Verfinsterungen wie der gleich anschließende große Krieg zwischen der Märchen- und Geisterwelt der Dschinn von Peristan und den Erdenmenschen hienieden, damit auch der guten und der bösen Dschinn unter- und gegeneinander.

          Selbstredend mit der 1001. Nacht endet die Ehe des wackeren indischstämmigen Landschaftsgärtners Hieronymus Manezes, genannt Geronimo, mit der geliebten Ella Elfenbein, der Tochter eines amerikanischen Immobilienhais. Geronimo ist übrigens der Sympathieträger des Romans und die Lieblingsfigur des absolut anonymen und völlig konturlosen Erzählers, der jedoch beharrlich behauptet, die Geschichte, die er uns vom Anfang des 21. Jahrhunderts übermittle, habe sich bereits vor „mehr als tausend Jahren“ zugetragen. Ob sie (ungefähr) im Jahr 3020 noch jemand hören, gar lesen will, sei bezweifelt. Von Rushdies Hauptwerken aber ist es zu hoffen, ja: zu wünschen. Mehr noch: Es soll so sein.

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