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: Kein Spielzeugdampfer ohne Sinkvorrichtung

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Einen "juvenilen Greis", der seine Kinder "Schitti und Klößchen" nennt und die beste Freundin seiner Ehefrau "Schamlippe", möchte ein taktvoller Leser vielleicht nicht unbedingt näher kennenlernen. Kempowski-Enthusiasten ist er aber schon einschlägig bekannt: Es ist der Schriftsteller Alexander Sowtschick, der gehässige Held des Romans "Hundstage" (1988).

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          Einen "juvenilen Greis", der seine Kinder "Schitti und Klößchen" nennt und die beste Freundin seiner Ehefrau "Schamlippe", möchte ein taktvoller Leser vielleicht nicht unbedingt näher kennenlernen. Kempowski-Enthusiasten ist er aber schon einschlägig bekannt: Es ist der Schriftsteller Alexander Sowtschick, der gehässige Held des Romans "Hundstage" (1988). Er ähnelt allerdings auch dem selbstironischen Virtuosen des kleinkarierten Ressentiments, als der sich Walter Kempowski in dem Tagebuch "Alkor" (1989) zeigte. So überläßt der Autor seinem Alter ego nun auch den Schwanengesang des Romanciers. "Letzte Grüße" ist vordergründig ein Reiseroman in 36 Stationen, der aus Robert Schumanns "Album für die Jugend" entlehnte Untertitel "Nachklänge aus dem Theater" aber gibt dem Leser einen Hintersinn mit auf den Weg, der sich erst nach und nach offenbart.

          Die Handlung spielt im Gegensatz zu "Alkor" kurz vor der Wende. Alexander Sowtschick fühlt sich noch immer nicht recht anerkannt, das Alter weht ihn gelegentlich mit "grauen Tüchern" an, sein neuer Roman kommt nicht von der Stelle, überdies hat er juristische Scherereien, weil er einen Kollegen als "Dünnbrettbohrer" bezeichnet hat. Da ereilt ihn eine Einladung zu den "Deutschen Wochen" in den Vereinigten Staaten, die eigentlich "längst fällig gewesen" war. Das verspricht Ehre, ist aber vermutlich mit Unannehmlichkeiten verbunden. Andererseits: "Gast, immerfort eingeladen zu werden zu Essen und Trinken und zusätzlich pro Lesung noch zweihundertfünfzig Dollar in die Hand gedrückt bekommen? Und: auch sonst alles gratis? Wäre es nicht eine Sünde, ein solches Angebot auszuschlagen?" Aber es ist nicht das Brot allein, als deutscher Schriftsteller hat man schließlich eine Sendung: "das falsche Bild von Deutschland, das die Menschheit vielleicht noch immer im Herzen trägt, zurechtrücken und ins Strahlende wenden". Da möchte er sich natürlich nicht als "typischer Deutscher" präsentieren.

          So macht sich Sowtschick, "heiß gebadet und frisch rasiert", wohl ausgerüstet auch mit zwei praktischen Reisetaschen, einer Mehrzweckjacke, einer Prinz-Heinrich-Mütze, einem Gürtel mit Versteck für die Barschaft sowie einem von Frau Marianne besorgten nagelneuen Necessaire, auf die Reise in die Neue Welt. Es fängt gut an: Im Flugzeug wird er seiner Bedeutung entsprechend in die erste Klasse "upgegraded", wo man nicht nur besser ißt und trinkt, sondern auch die Salz- und Pfefferstreuer und weitere Gegenstände mitgehen lassen kann, überhaupt ein Hobby Sowtschicks. Bei der Ankunft in New York wird er aber schon wieder zurückgesetzt, weil er den weißen Strich vor der Warteschlange übertreten hat. Außerdem spricht der Amerikaner seinen Namen "Sautschick" aus. Das Gästezimmer im einladenden Institut ist noch nicht frei, so wird er in ein schäbiges, zudem vergittertes Hotel eingewiesen. Gleichwohl erhobenen Hauptes wirft sich der Mann aus dem norddeutschen Sassenholz ins weltstädtische Getriebe: "in Massen kam ihm Menschheit entgegen", darunter vermutlich zahlreiche "Brieftaschendiebe und Pufftotschläger". Unerschrocken nimmt er zwei Hamburger mit viel Mayonnaise zu sich, die möchte der deutsche Körper aber "nicht annehmen, also öffnete er den Mund und gab sie wieder von sich".

          Von Station zu Station kommt es nun nur immer schlimmer, wie oft auch Sowtschick ausrufen mag: "Das fehlte noch!" oder auch "Keine zehn Pferde!", Amerika erweist sich als Parcours von Zumutungen. Die Lesungen fallen aus oder werden lediglich von "abkommandiertem Volk" besucht, niemand scheint eine Zeile von ihm gelesen zu haben. Sämtliche Moderatoren haben statt dessen den Verlagsprospekt zu Rate gezogen, so daß der Schriftsteller sich bei jeder Veranstaltung aufs neue anhören muß, daß seine Werke zwar "von hinreißender Komik", aber auch "hintergründig und doppelbödig" seien. Später wollen sie sich nicht über seine Werke unterhalten, sondern berichten von ihrer Ehekatastrophe oder geben ihm eigene Manuskripte zu lesen. Und, das Schlimmste an Kränkung: Kollege Adolf Schätzing, der feinsinnige Dichter aus der DDR, war immer schon vor ihm da. Für ihn, dem Sowtschick trotz dessen wirrer Ansichten großmütig den Brockes-Preis verschafft hat, scheint man sich sogar zu interessieren.

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