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: Kein Spielzeugdampfer ohne Sinkvorrichtung

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Wie immer Sowtschick seine Lesung einrichtet, "das Besinnliche ausgeklammert und dem Grotesken Raum gegeben": die Amerikaner verstehen ihn nicht, die älteren hören ihn nicht einmal, weil die Klimaanlagen zu laut sind. Immer gibt es "Plürrkaffee" und oft, wie in Yale, nach der Lesung nichts zu essen, statt dessen Stehempfänge in mit "Indianerverfolgungsszenen dekorierten Räumen", auf denen ihm deutsche Au-pairs "unglaubliche Geschichten von unartigen Kindern erzählen", während ihn die Amerikaner fragen, ob er in der SS war oder wenigstens in der Hitler-Jugend, und ob er etwa auch den Holocaust leugnet. Da würde er sie gern einmal Mores lehren: "Daß man also nicht Bombenteppiche ablädt auf Barockkirchen und hinter den Mädchen herpfeift, sondern die Hände gefälligst aus den Taschen nimmt."

Dabei würde sich Sowtschick den Mädchen auch gern nähern. Jenniffer, die Germanistikstudentin, müßte doch froh sein, einem bedeutenden deutschen Schriftsteller gefällig zu sein. Statt Süßholz zu raspeln, erzählt er ihr aber von Klößchen, dem Ausbau seines Hauses in Sassenholz, von seinen "ziemlich umfangreichen Werken", und daß er sich den Magen verdorben hat. Daraufhin wird ihm wieder übel, und Jenniffer macht natürlich, daß sie wegkommt. Die Erotik geht überhaupt allenfalls "in die Hose", nur einer betagten Archivarin darf er unter die Bluse greifen, wo er jedoch nur "ein einzelnes, sehr langes Haar" ertastet, worauf ihm die mühsam genug erlangte Erhebung vergeht. Immerhin schenkt sie ihm eine Kopie von Goethes Wäscheliste. Alsbald ist Sowtschick in Amerika "von Lebensekel gelähmt, wie es einem Menschen gut ansteht, der seine Zeit nicht gestohlen" hat. Das Kulturprogramm kann da auch nicht entschädigen. Er muß sich "das größte Freilichtmuseum für Kriegsgerät" ansehen. Die Amish sind mürrisch und wollen ihm keine Souvenirs verkaufen. Im Indianerreservat sind die Burschen alle betrunken, trotzdem retten sie ihn, als er sich im Wald verläuft.

In Orlando auch noch Disneyland. Immerhin gibt es da ein Bude, in der man leicht bekleidete junge Nixen mit Bällen abschießt, aber keine, "in der man Negerköpfe mit Torten bewerfen" kann. Haben keinen Humor, die politisch korrekten Amerikaner. Das Allerschlimmste: Im Hotel, in dem man ihn in den lesungsfreien Tagen deponiert hat, muß er selbst bezahlen. Nur wenn er "vor dem TV versackt", kann sich der geplagte Schriftsteller ein wenig entspannen. Seine Lieblingssendung ist "Heckle and Sheckle", eine Zeichentrickserie mit zwei lustigen Raben. "Was du alles erlebst", sagt am Telefon die gute Marianne. Zu Hause steht das Wasser im Keller.

Das Fazit scheint, wie immer ironisch glasiert, zu lauten: Die Amerikaner sind ein blödes Volk. Aber Sowtschicks Stereotypen der kulturellen und politischen wie der sozialen Wahrnehmung haben einen Kipphebel: Sie können jederzeit ins Gegenteil umschlagen. Wenn der schwarze Taxifahrer dem Mann mit der Mehrzweckjacke in New York die vergessene Kamera nachträgt, geraten die weißen Leutchen daheim plötzlich in den Verdacht der Unehrlichkeit. Am scheinbar nebensächlichen Detail beleuchtet Kempowskis Reiseslapstick das deutsch-amerikanische Verhältnis, die merkwürdige Mischung aus Geringschätzung und Bewunderung, in der das Klischee vom kulturlosen Amerikaner jederzeit in die Idealisierung des von keiner Last der Geschichte gedrückten Daseins umschlagen kann. Das Buch ist übrigens Carla Damiano gewidmet, die eine kritische Studie zu Kempowskis "Echolot", der gigantischen Dokumentation zum Verhältnis von Geschichte und individuellem Erleben, vorgelegt hat. Ihr ambivalenter Titel "Montage as Exposure" sagt auch etwas über Kempowskis Schreiben als Belichtung, Aussetzung und Bloßlegung. Schwer zu sagen, ob die Professorin in Michigan sich über den Gruß freuen wird.

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