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Wilhelm Genazinos neuer Roman : Da helfen auch keine Rauchmelder

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Drückende Verknotung der eigenen Existenz: Genazinos Held ist nicht als Flaneur auf den Straßen von Frankfurt unterwegs. Bild: Marc-Steffen Unger

Die Ungewaschenheit der Welt muss ausgehalten werden: Wilhelm Genazino blickt in seinem neuen Roman „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ aufs Neue ins Herz der Schäbigkeit.

          Einmal angenommen, das wäre das erste Buch von Wilhelm Genazino, das die Rezensentin zu Gesicht bekommen hätte. Sie wäre vermutlich entzückt, berückt von seiner zauberisch zerstreuten Sicht auf das Leben, die Menschen, die Welt. Sie wäre hingerissen von diesem Helden, der wahrhaftig keiner ist und den ein Original zu nennen der Komplexität seiner psychischen und sozialen Erscheinung nicht gerecht würde. Der hier, verblümt zwar, aber doch offenherzig, über sich Auskunft gibt, erweist sich als ein Virtuose des Scheiterns, einer, der sich weidet an seinen Unzulänglichkeiten und Verlusten, einer, der schwelgt in peinlichen und peinigenden Erinnerungen.

          Beruflich ist er nach eigenem Befund dreimal gescheitert, als Bibliothekar, als Wertpapierhändler und als Redakteur eines Provinzblatts. Jetzt ist er sechzig, arbeitslos und hat gerade zufällig seine „ehemalige Ehefrau“ Sibylle wiedergetroffen, die ihm signalisiert, dass sie einem „Sexualimbiss“ nicht abgeneigt wäre. Sehr bald findet auch der Ich-Erzähler wieder Gefallen an der quasiehelichen Verpflichtung, obwohl er den Verdacht hegt, hier könnten schlicht eine „übriggebliebene Frau“ und ein „übriggebliebener Mann“ zusammengefunden haben. Deswegen unterhält er außerdem Beziehungen zu einer Christa, für die ihr Gatte kein sexuelles Interesse mehr aufbringt – „normale Eheverwehung“ eben.

          Die Wirklichkeit sieht anders aus

          Unter anderem beschäftigt den Protagonisten die Frage, was passieren würde, käme Sibylle drauf, dass er „auch beim fünften und sechsten Treffen stets dieselbe Hose trug. Dabei war es mein Traum, mit einer einzigen Hose und einer einzigen Frau durchs Leben zu kommen.“ Die Wirklichkeit sieht anders aus: „Ich hatte mehrere Frauen, mehrere Wohnungen, mehrere Berufe, mehrere Hosen, aber immer noch keine Zukunft.“ Spätestens angesichts dieser Bilanz fragt sich der Leser, wie dieser Mann auch nur in die Lage kommen konnte, als Wertpapierhändler zu scheitern, was voraussetzt, dass zumindest er selbst sich in dieser Rolle ernst genommen hat. Mehr Zutrauen fasst man zu seiner Kompetenz als

          „Hosenberater“, als der er sich möglicher Kundschaft sogar per Inserat empfiehlt. Am erstaunlichsten freilich erscheint des Helden beträchtliche Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht, das sich offenbar weder durch seine Loser-Attitüde noch durch seine Schrullen, seine depressiven Anwandlungen und seine hygienische Fahrlässigkeit abschrecken lässt. Neben einer Reihe verflossener Geliebter in seinem Kopf spielt noch eine ebenfalls deutlich jüngere Frau namens Frederike eine Hauptrolle, die dem Erzähler als leibhaftiger Gruß aus der Vergangenheit über den Weg läuft und ihm verspricht, zwei lose Knöpfe anzunähen, woraus sich alles weitere ergibt. Schließlich hat er schon zuvor, bei allem Lamento über das Alter, bedauert, „keine neue feste Frau“, jedoch „Kraft für drei Frauen“ zu haben. Die lebensmüde, gleichwohl patente Sibylle erklärt ihrem Exmann, er würde bei den Frauen reizvolle „Dominanzgefühle“ auslösen; ihm selbst ist klar, dass er die „Mannmutter“ sucht und braucht, muss er doch häufig an seine unglückliche Mutter denken, aber auch an seinen früh zerrütteten Vater. Beide Eltern sind lange tot, mit ihnen wird für das erinnerungsgeplagte Ich die Ödnis der Nachkriegszeit wieder lebendig.

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