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Indischer Kriminalroman : Kein Fall nur für jugendliche Ermittler

  • -Aktualisiert am

Ein Ort der Synästhesie: Basar im indischen Alt-Delhi Bild: Picture-Alliance

Zwischen Rikschas, Motorrollern und Videospielhallen: „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ ist eine als Krimi verkleidete Milieustudie über die indische Gesellschaft.

          4 Min.

          Seit siebzehn Jahren und 1300 Folgen läuft im indischen Fernsehen die Sendung „Crime Patrol“. Deren Reality-Format funktioniert so: Reale Fälle von Brandstiftung, Raub und Kidnapping aus Indien werden mit niedrigem Budget und wackeliger Kamera nachgestellt. Dazwischen läuft der Moderator Anup Sari von links oder rechts ins Bild und philosophiert dabei über die Essenz des Bösen oder die Conditio humana. Einmal geht es um eine Gruppenvergewaltigung in einem Bus 2012 in Delhi, die weltweit Schlagzeilen machte. Die Folge sprengte bei ihrer Ausstrahlung die nationalen Einschaltquotenrekorde. True crime ist eben nicht erst seit Streaming und Podcasts in Mode.

          Folge 48 von „Crime Patrol“ behandelte ebenfalls einen Fall, den fast jeder in Indien kennt: eine Reihe von Kindesentführungen in einem Armenviertel. Sie ereigneten sich 2006 in der Industrieplanstadt Noida in Nordindien und bilden auch die Grundlage für den Debütroman „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ von Deepa Anappara. Auf den ersten Seiten liest sich das Buch noch wie ein Detektivabenteuer: Drei Kinder versuchen auf eigene Faust Hinweise über Verbleib der Verschleppten zu finden. Aber das ist nur ein Trick der Autorin, um die Lesenden tief in die Gänge des Bhoot-Basars zu führen und dann ein detailverliebtes Gemälde der Lebenswelt der ärmsten Klasse Indiens zu präsentieren.

          Happy Ending? Fehlanzeige

          Die Geschichte wird aus der Sicht des sechsjährigen Jai erzählt. Zu Beginn leidet er an den gleichen Problemen, an denen fast alle Schulkinder seines Alters leiden: Der Vater versteckt die Fernbedienung, wenn er seine Lieblingsserien schauen möchte, im Dunkeln hat er Angst, dass ein böser Dschinn ihn fressen könnte, und zum Unterricht geht er nur widerwillig. Gerne wäre Jai ein Meisterdetektiv, wie Byomkesh Bakshi, Sherlock Holmes oder die ehrenwerten Polizeiermittler aus dem Fernsehen. Als ein Mitschüler eines Tages verschwindet, beschließt Jai, mit seinen Freunden die Ermittlung selbst zu übernehmen.

          Deepa Anappara: "Die Detektive vom Bhoot-Basar".
          Deepa Anappara: "Die Detektive vom Bhoot-Basar". : Bild: Rowohlt Verlag

          Bestechend ist, wie die TKKG-Kinderermittlerwelt immer wieder auf die harte Erwachsenenrealität prallt: Anders als in Kinderhörspielen wie „Die drei ???“ kooperieren die Erwachsenen nicht, wenn Viertklässler versuchen, sie zu befragen, meistens werden sie fortgejagt. Und ein Happy Ending ist auch nicht in Sicht: Im Bhoot-Basar passieren Verbrechen jenseits kindlicher Vorstellungskraft.

          Kindliche Phantasie

          Jais Familie lebt in einem Basti. Die Viertel aus selbstgebauten Hütten an den Rändern von Metropolen haben oft kein fließendes Wasser. Hier wohnen Menschen, die als Putzkräfte für die Reichen in den abgeriegelten Apartmenttürmen mit Namen wie „Golden Gate“ arbeiten und deren einzige Hoffnung auf sozialen Aufstieg heißt, dass ihre Kinder vielleicht eines Tages das Glück haben, im Callcenter einer amerikanischen Firma zu arbeiten. Anappara zeigt in ihrem Roman aber keineswegs ein Elendsdrama, sondern eine diverse Gesellschaft mit liebevoll gezeichneten Figuren: der langbärtige Fernseh-Chacha, der alte Fernsehgeräte aus den Müllhalden sammelt, oder Duttram, der Teeverkäufer, der Jai für seine Arbeit immer nur die Hälfte des Vereinbarten bezahlt, aber im Winter auch gerne Chai ausgibt.

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