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Kathy Acker: Meine Mutter : Die Posen der Provokation

  • -Aktualisiert am

Bild: Milena Verlag Wien

Sie war so frei: Kathy Acker jonglierte mit Diskursen, Stilen und Geschichten - immer im Dienst der Provokation. Die Großmeisterin der postmodernen Textcollage wirkt dabei allerdings oft angestrengt. Kein Wunder: Zu viele Schocks ermüden.

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          Kathy Acker hat, oberflächlich betrachtet, hierzulande eine Menge literarisches Unheil angerichtet. Nicht nur, dass sie mit ihrem Plädoyer für den Plagiarismus als Kunstform für Helene Hegemann zum Vorbild wurde, die ihr in ihrem nachgereichten Quellennachweis für „Axolotl Roadkill“ besonderen Dank abstattet. Der Hinweis, dass ihre Protagonistin „die üblen Gerüche“ erforscht, die aus „Furchen und Achselhöhlen“ aufstiegen, erinnert zudem an Charlotte Roches „Feuchtgebiete“.

          Dass andere womöglich bei ihr abgekupfert haben, dürfte ganz in Ackers Sinne gewesen sein, denn ihr Motto, das der Wiederveröffentlichung ihres Romans „Meine Mutter. Dämonologie“ vorangestellt wurde, lautete: „Ihr könnt mit meinem Werk machen, was ihr wollt.“ Das sagt sich leicht dahin, wenn man „meine Arbeit“ als extrem dehnbaren Begriff versteht.

          Schöpferischer Akt der Piraterie

          Kathy Acker, 1947 in New York geboren und 1997 im mexikanischen Tijuana verstorben, verstand sich wie keine Zweite darauf, die Werke anderer zu überschreiben, zu variieren und umzuinterpretieren. Wie Ines Freitag, Janina Jonas und Thomas Ballhausen in ihrem Nachwort schreiben, lehnte sie den Gedanken an eine eigene Stimme, die sich im Kunstwerk äußert, ab. Sie selbst erzeugte in Collage- und Cut-up-Verfahren nonkonformistische Werke, indem sie sich fremde Kulturgüter in einem schöpferischen Akt der Piraterie aneignete und weiterverwertete.

          So ist es kaum überraschend, dass auch der Roman „Meine Mutter“, 1994 im Original erschienen, zahlreiche Inspirationsquellen erkennbar werden lässt: von Emily Brontës „Sturmhöhe“ bis zu „Suspiria“, einem stilprägenden Horrorfilm des italienischen Regisseurs Dario Argento aus den späten siebziger Jahren. Beide werden genüsslich ausgeweidet, umgedeutet und surreal verfremdet. Sie werden Teil einer neuen Geschichte, der Biografie von Laure, die als Ich-Erzählerin sowohl scheinbar reale Ereignisse und traumatische Erinnerungen als auch Albträume und Wunschvorstellungen zu einer assoziativen Erzählung vermengt.

          Raus aus der schmerzhafter Erstarrung

          Laure, das Pseudonym der Dichterin Colette Peignot, Geliebte von Georges Bataille und Mitglied seiner Geheimgesellschaft Acéphale, die aufgrund etlicher Parallelen und Anspielungen aber auch leicht mit der Autorin selbst verwechselt werden kann, berichtet von einem dominanten Elternhaus, von Kindesmissbrauch, von psychischer und physischer Gewalt und von der obsessiven Liebe zu einem Mann namens B. Zunächst soll er der Retter aus einem leidvollen Dasein sein, später versucht Laure, sich von ihm zu lösen, und das Buch wird zum Erfahrungsbericht der Befreiung aus einem Zustand schmerzhafter Erstarrung. Die Mittel für diese Emanzipation sind drastisch: Vergewaltigungs- und Tötungsphantasien, in denen sie mal die Opfer-, mal die Täterrolle einnimmt, gehören ebenso dazu wie politische Hasstiraden und die streckenweise pornographische Darstellung sexueller Ausschweifung.

          Es mag widersprüchlich erscheinen, dass sich die Erzählerin nach einer Gemeinschaft sehnt, die nicht von Hass zerfressen ist wie jene ihrer Eltern, ihr Schreiben allerdings nahezu ausschließlich von Unversöhnlichkeit, Rachgier und Ekel angetrieben wird. Sie muss der phallozentrischen Lesart der Welt erst einmal ihre eigene, weibliche oder radikal feministische Sichtweise entgegensetzen, eine Nabelschau, die deutlich unter die Gürtellinie geht. Da werden schon mal Genitalien mit Gesichtern verglichen in dieser Literatur des Körpers, die sich mit bewusster Exzentrik in die Tradition von Marquis de Sade und Bataille stellt.

          Die Königing des Punk

          Appetitlich ist das nicht, und das ist auch so beabsichtigt. Aber vieles, was die zur Queen of Punk stilisierte Kathy Acker ihrer Erzählerin in die Feder diktiert, wirkt wie eine Provokation um ihrer selbst willen, ist alles andere als frei von Klischees. Die propagierte Selbstbehauptung der innerlich wie äußerlich starken Frau verkommt infolgedessen häufig zur Pose. Dazu gesellt sich ein bisweilen theoretisch verbrämter Jargon, der die vermeintliche Unmittelbarkeit der Schilderung unterläuft.

          Das führt zu schillernden Bonmots, manchmal aber auch zu gespreizten und in ihrer Redundanz ermüdenden Passagen, in der die Obszönität das richten soll, was die Reflexion nicht leistet. Die Lektüre von „Meine Mutter“ ist daher ein zwiespältiges Vergnügen. Sie veranschaulicht zum einen das subversive Potential der postmodernen Literaturcollage und des aus der Popmusik übernommenen (Text-)Samplings, zum anderen aber auch, wie rasch sich diese zunächst verstörenden Methoden abnutzen. Ist in der Literatur keine eigene, das wirre Geschehen wie auch immer ordnende Stimme vernehmbar, weiß auch der Leser nicht mehr, wem er seine Aufmerksamkeit schenken soll.

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