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Katherine Anne Porter: Das Narrenschiff : Das Albtraumschiff der Irrungen und Wirrungen

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Bild: Verlag

Als Katherine Anne Porters Gesellschaftsroman „Das Narrenschiff“ 1962 erstmals erschien, wurde es zum internationalen Bestseller - nur nicht in Deutschland. Jetzt lässt sich die Lektüre nachholen.

          Ein opulenter, siebenhundert Seiten starker Roman über eine Seereise von Veracruz nach Bremerhaven - das scheint die ideale Lektüre für alle Freunde von Traumschiffen. Aber wer auf prächtige exotische Kulissen, romantische Extremsituationen und Glamour hofft, wird sich bald aufs Albtraumschiff versetzt fühlen, wenn er bei Katherine Anne Porter an Bord geht. Schon die Eingangsszene, die das Hafenviertel von Veracruz und das hektische Treiben vor dem Ablegen schildert, läuft auf ein emblematisches Bild menschlichen Elends hinaus: die akribische Beschreibung eines „raffiniert verstümmelten und deformierten“ Bettlers, der hingeworfene Brocken vom Fußboden frisst.

          Unerfreuliche Einblicke

          Der Titel des Romans beruft sich auf Sebastian Brants „Narrenschiff“, erschienen 1494 und das erfolgreichste Buch der deutschen Literatur vor der Lutherbibel: eine große Allegorie auf die Dummheit und Verworfenheit der menschlichen Gesellschaft. Eine Vielfalt von Narrheiten wird vorgeführt - Porter übernimmt das Motiv und spielt mit der allegorischen Sinnbildlichkeit, auch wenn ihr „Narrenschiff“ als komplexer realistischer Gesellschaftsroman zu lesen ist. Passagiere aus vielen Nationen haben sich im Jahr 1931 auf dem Dampfer „Vera“ versammelt; fast durchwegs gestrandete, unzufriedene, gezeichnete Menschen.

          Das Treibmittel für Porters psychologische Erzählkunst ist die aufgezwungene Intimität mit ihren vielen unerfreulichen Einblicken. Die Menschen können einander auf dem Schiff nicht entgehen; oft müssen sie die engen Kabinen mit Fremden teilen, Misstrauen und Ablehnung gehen einher mit „zudringlicher, bohrender Neugier“. Bei aller satirischen Distanz will auch die Erzählerin ihren etwa dreißig Hauptfiguren so nah wie möglich kommen. Sie kriecht ihnen mit der Technik moderner Introspektion unter die Schädeldecke und legt ihre modrigen seelischen Wurzelgeflechte bloß.

          Jeder auf diesem Schiff ist eingekapselt in seine höchstpersönliche Verzweiflung und Einsamkeit: der Rechtsanwalt Karl Baumgartner, der Frau und Sohn mit Trunksucht und Selbstmitleid quält; die achtzehnjährige Elsa Lutz, die an ihrer nachhaltig beschriebenen Hässlichkeit leidet; der moribunde Religionsfanatiker Willibald Graf, der von seinem geldgierigen und übelgelaunten Neffen Johann gepflegt wird; der unter Triebdruck stehende Chemiker William Denny, dem die geschiedene Mary Treadwell am Ende mit ihrem Pfennigabsatz die Visage blutig verunstaltet, oder der nationalsozialistische Modejournalist Siegfried Rieber, der von der Ausmerzung der Missratenen schwafelt und unterdessen mit Lizzi Spöckenkieker schäkert. Am Ende wird ihm der aggressive Schwede Arne Hansen eins mit dem Bierkrug überziehen, und mehr als die Platzwunde wird es Rieber schmerzen, dass sie ihm von einem echt nordischen Hünen beigebracht wurde.

          Allzu plakativ

          Deutsche Narren geben auf der „Vera“ den Ton an, was angesichts des deutschen Sonderwegs in den Nationalsozialismus plausibel erscheint. Zu den Passagieren gehören Geschäftsleute, die in Mexiko zu tun hatten, ein Tabakhändler, ein Vertreter eines Ölkonzerns, ein heimkehrender Hotelier und ein Bildungsträger wie Professor Hutten, der eine deutsche Schule geleitet hat. Die deutsche Gesellschaft um 1930, wie sie hier von einer Amerikanerin satirisch porträtiert wird, ist schwer erträglich: mit ihrem teutonischen Hochmut, ihrem selbstgerechten Sendungsbewusstsein und betulichen Damen, die das Moralisieren wie einen Volkssport betreiben.

          Auch der Antisemitismus ist an Bord. Wilhelm Freytag wird als Jude des Kapitänstisches verwiesen, obwohl er keiner ist, anders als Julius Löwenthal, der von der Autorin allerdings nicht mit höheren Sympathiewerten ausgestattet wird. Er ist ein merkwürdiger Fremdgänger, verachtet die „Gojim“ und ihre unreinen Fleischspeisen und handelt mit katholischen Devotionalien, als wäre es eine beliebige Ware. „Er verkroch sich in das dunkle, luftlose Ghetto seiner Seele“ - kaum denkbar, dass heute ein Autor einen solchen Satz über eine jüdische Figur riskieren würde. Er zeigt eine Gefahr dieser Autorin: das allzu Plakative.

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