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Roman „Was ich im Wasser sah“ : Die Rückkehr auf die Schutzinsel

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Im Roman wird unter dem Deckmantel der grünen Energie eine Insel zerstört. Bild: dpa

Der erste Roman der österreichischen Schriftstellerin Katharina Köller erzählt eine Inselgeschichte, die sich jeder Logik entzieht – und dennoch ganz real wirkt.

          3 Min.

          Rund acht Jahre hat die österreichische Schriftstellerin Katharina Köller aus dem burgenländischen Eisenstadt an ihrem ersten Roman geschrieben. Davor war das Theater ihr künstlerisches Terrain – als Schauspielerin, Dramatikerin, seit 2016 auch als Regisseurin. Nun, im Alter von 36 Jahren, kommt der Roman, den die Autorin als neue literarische Herausforderung empfunden hat: die Welt der Bühne zu sprengen und zu anderen Ufern vorzudringen.

          Gleich der erste Satz ist eine Provokation: „Ich hatte keine Brüste mehr.“ Klarissa ist von ihrer Heimatinsel, die irgendwo undefiniert im Mittelmeer liegt, aufs Festland geflohen. Dort hat sie der Krebs ereilt: „Was würden sie zu Hause sagen, wenn ich zurückkäme und sie sehen würden, dass ich meine Brüste auf dem Festland gelassen hatte? Es waren große Brüste gewesen. Schwere, fleischige Bälle.“

          Sie hatten immer ein Eigenleben geführt, sich nach eigenen Gesetzen bewegt, ganz anders als Klarissas sonstiger Körper, sie empfand sie als Stigma: „Während ich mich durch meinen Alltag bewegte, hatte ich immer aufpassen müssen, sie zu schützen. Dafür hatte ich mir eine eigene Körperhaltung zugelegt. Ich hatte die Schultern nach vorne geschoben, meinen oberen Rücken gekrümmt und meine Arme vor meinem Brustkorb verschränkt. Wenn ich gerannt war, hatte ich sie mit beiden Händen festhalten müssen, und ich hatte eine Technik entwickelt, sie mit meinen Ellbogen zusammenzupressen, wenn ich im Auto über eine holprige Straße gefahren war. Sie waren zitternd auf und ab gehüpft, in meinen Händen und zwischen meinen Ellbogen.“ Ohne jeden Schnörkel, ohne Larmoyanz versteht es die Autorin, ein heikles Thema anschaulich ins Bild zu setzen.

          Schutz und Angriff zugleich

          Man könnte zunächst meinen, hier werde eine Krebsbiographie verarbeitet – weit gefehlt. Nach der Operation muss Klarissa das Ansinnen ihres Arztes abwehren, ihr Silikonbrüste als Ersatz zu basteln, sie will kein Plastik an und in ihrem Körper. Sie geht einen anderen Weg und lässt sich auf den nun flachen Oberkörper einen Oktopus tätowieren. Der greift in der Natur das Schalentier Krebs an, der starrt aber auch die Betrachter aggressiv an und umarmt die Trägerin des Tattoos mit seinen Tentakeln. Schutz und Angriff zugleich. Der gutmütige Bruder Bill sucht seine verlorengegangene Schwester, die sich auf dem Festland verkrochen hat, er holt sie heim auf die Insel, die den bizarren Namen „Ei“ trägt – und dort beginnt eine ganz andere Geschichte.

          Klarissa taucht in ihre Vergangenheit ein, sie verspinnt sich aber auch in ein Märchen von merkwürdigem Zauber. Ihr Zuhause ist das Wirtshaus „Zur schwankenden Weltkugel“, hoch auf einer Klippe, wo auch Irina lebt. Klarissa wäre früher bei einem Bootsausflug einmal fast ertrunken, Irina tauchte auf, rettete sie ans Ufer und wurde in der Familie der Wirtsleute als zweite Tochter aufgenommen. Sie ist wunderschön, hat langes, fließendes Haar, goldene Augen, von ihr heißt es immer, sie sei „kein Mädchen, kein Mensch“. Sie ist eine Feengestalt aus dem Nirgendwo, vielleicht eine Zigeunerin, vielleicht ein Flüchtlingskind oder von der Mafia aufgezogen. Die beiden Mädchen werden enge Freundinnen, und als Klarissa auf die Insel zurückkehrt, die Irina nie verlassen hat, nähern sie sich wieder an, versuchen die alte Vertrautheit wieder herzustellen, geraten aber auch in Streit und Auseinandersetzung.

          Die Insel hat ihr altes Gesicht verloren

          Die Insel hat ihr altes Gesicht verloren, ein großes Industrieunternehmen hat die Herrschaft übernommen. Die Insel ist überzogen von gläsernen Windrädern, merkwürdiges Getier, Zecken ähnlich, kriecht über das Land, die Fischerei ist eingegangen, der Fischmarkt geschlossen, der Hafen dümpelt vor sich hin. Nur der alte Eukalyptuswald steht noch, in dem die Mädchen immer ihre geheimen Treffen hatten. Auch jetzt, nach der Rückkehr von Klarissa. Der Wald birgt weiterhin seine unheimlichen Geister, bleibt eine Welt für sich, in die die Menschen unerlaubt eindringen. Märchenhafte Motive umgeben auch das Meer, das Wasser, den Wind. Früher haben die Mädchen auf ihrer Insel einen Schatz gesucht wie bei Robert Louis Stevenson, noch heute glauben sie daran als ein Vermächtnis aus uralten Zeiten, das sich nicht erfüllen lässt.

          Katharina Köller: „Was ich im Wasser sah“. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2020. 320 S., geb., 22,– .
          Katharina Köller: „Was ich im Wasser sah“. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2020. 320 S., geb., 22,– . : Bild: Frankfurter Verlagsanstalt

          Klarissa sucht nach einer neuen Identität als Frau, Irina will frei und ungestört sein. Beide leben wie Schiffbrüchige auf schwankenden Brettern, beide haben ihren Halt verloren. Ihr Untergrund ist wie das Wirtshaus, brüchig und unsicher, bis endlich aufbricht, was alle geahnt haben. Der Industriekonzern hat die Insel verseucht, Fässer mit Atommüll vor der Küste versenkt, die Windräder drehen sich ohne Sinn und Verstand, und es geschehen Dinge, von denen niemand wissen darf. Unter dem Deckmantel der grünen Energie wird die Insel zerstört. Widerstand ist zwecklos. Die einen Menschen sterben an Krebs, der Rest der Inselbevölkerung soll vom Eiland evakuiert werden.

          Aufgeregte Bilder aus der Natur

          Aber der Debütroman von Katharina Köller ist auch kein Öko-Roman. In dieser Geschichte mischen sich magische und realistische Phänomene wie in einem Kaleidoskop. Alles schüttelt sich durcheinander und ordnet sich neu. Köller findet wunderbare Bilder für die Zeichnung ihrer ungewöhnlichen Heldinnen und Helden vom Rande der Welt, die sich in kein Schema pressen lassen; sie malt aufgeregte Bilder aus der Natur, sie denkt über ein Leben nach, das real und surreal zugleich ist.

          Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Sie will kein Mitleid, sie fordert auch nicht zum Widerstand auf. Ihre Welt ist inkommensurabel. Keiner lebt nach festen Gesetzen oder Regeln, es herrscht eine Wildheit und Unbefangenheit in dieser Inselgeschichte, die sich jeder Logik entzieht, und doch ist alles ganz real erzählt, mit klarer, bilderreicher und manchmal sogar anmutiger Sprache in Szene gesetzt. Ein gelungenes und bemerkenswertes Debüt.

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