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Debütroman von Katharina Adler : Ida, der Herr Doktor und sein Diwan

Robert Longos Zeichnung von Sigmund Freuds Wohnungstür in der Berggasse 19 in Wien Bild: Robert Longo/Metro Pictures

Ida Bauer ist als Sigmund Freuds „Fall Dora“ in die Geschichte der Psychoanalyse eingegangen. Jetzt erzählt die Urenkelin von ihr – und kommt nicht von Freud los, wenn ihr Buch Fahrt aufnehmen müsste.

          Der Roman beginnt in New York City im Jahr 1941, als Ida Bauer nach einer strapaziösen Flucht vor den Nationalsozialisten mit dem Schiff in Amerika angekommen ist, wo ihr Sohn Kurt Adler bereits lebt und arbeitet. Geboren am 1. November 1882 in Wien, ist sie jene junge Frau, die als der „Fall Dora“ in die Geschichte der Psychoanalyse eingegangen ist, weil sie Sigmund Freud zu seinem berühmten Text „Bruchstück einer Hysterie-Analyse“ von 1905 veranlasste.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Als Achtzehnjährige war Ida im Oktober 1900 von ihrem Vater zu Freud gebracht worden wegen ihrer Symptome, seit ihrer Kindheit immer wieder Atemnot, tussis nervosa, Hustenanfälle, die zeitweise zu Stimmverlust führten. Sie ging knapp drei Monate lang täglich zu Freud in die Berggasse 19, den kurzen Weg von der elterlichen Wohnung in der Berggasse 32, bis sie die Behandlung abrupt abbrach.

          Katharina Adler, geboren 1980 in München, ist die Urenkelin von Ida Bauer, die nach ihrer Heirat mit Ernst Adler, einem wenig begabten Komponisten, dessen Namen trug. Ida war die Tochter des vermögenden, assimilierten jüdischen Textilfabrikanten Philipp Bauer. Ihr verehrter, ein Jahr älterer Bruder, Otto Bauer, wird Mitbegründer des Austromarxismus sein, 1918/19 kurz Außenminister von Deutschösterreich. Die Mutter Käthe ist überstreng und kalt gegen Ida. Sie muss damit leben, dass sich ihr Mann bereits vor der Hochzeit mit Syphilis infiziert hatte. Als der Vater um 1890 zu erblinden droht, erste Anzeichen der Erkrankung, übernimmt das achtjährige Mädchen Ida seine über Wochen dauernde intime Pflege, die, so die Mutter, den Dienstboten nicht zumutbar sei.

          Die Macht des weiblichen Widerspruchs

          Zusätzlich aufgeladen wird die familiale Katastrophe durch die herrschende Doppelmoral, in die Ida, noch minderjährig, durch ein der Familie eng befreundetes Ehepaar gerät: Die Frau wird die Langzeitgeliebte des Vaters; der Mann bedrängt Ida nicht nur durch Briefe und Geschenke, sondern tätlich sexuell. Ida reagiert mit ihrem Körper. Um das fragile Gleichgewicht nicht auszuhebeln, muss sie sich als Lügnerin und Simulantin hinstellen lassen.

          Ida Bauer im Jahr 1889 mit ihrem Bruder Otto

          Als sie schließlich in einem Brief mit Selbstmord droht, bringt sie der Vater zu Freud. All das ist längst bekannt. Und nicht nur der Feminismus hat Ida alias Dora seit den siebziger Jahren zum Inbild der Macht weiblichen Widerspruchs gemacht.

          In ihrem Debütroman will Katharina Adler die ganze Lebensgeschichte ihrer Urgroßmutter erzählen, bis zu deren Tod 1945 in New York. Dabei kann Adler nicht umhin, der Beziehung Idas zu ihrem Vater – genau wie Freud – kategoriale Bedeutung zuzumessen. Damit setzt sie für ihr eigenes Schreiben den entscheidenden Punkt – und spielt, vorsätzlich oder nicht, in Freuds Karten. Entsprechend heißt das mit siebzig Seiten umfangreichste von 47 Kapiteln „Diwan“. Es beginnt fast genau in der Mitte des mehr als fünfhundert Seiten starken Romans, steht damit buchstäblich im Zentrum. Der Diwan ist Freuds Untersuchungsmöbel, auf dem die Patienten frei assoziierend mit ihren Gedanken verfahren sollen, während er am Kopfende in seinem Sessel sitzt.

          Die Autorin kommt von Freud nicht los

          In diesem Kapitel liefert Adler eine Re-Inszenierung von Freuds „Bruchstück“ ab. Als konkurriere sie, in einem gegenläufigen Modell, mit dem Meistererzähler, der in seinen 1895 mit Josef Breuer veröffentlichten „Studien über Hysterie“ sich selbst eigentümlich davon berührt sah, „dass die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind, und dass sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren“. Inzwischen interessierte er sich allerdings, nach der Veröffentlichung seiner „Traumdeutung“, vor allem für die Bedeutung der Träume seiner Patientin.

          Im Roman erhält Ida alias Dora die Diskurshoheit in direkter Rede, während der „Herr Doktor“ in indirekter Rede vorkommt. Vorgeführt ist, ließe sich sagen, die Gegenübertragung Idas, als Patientin auf ihren Stichwortgeber. Adler wird gewusst haben, dass Freud seinerseits bei „Dora“ das Phänomen der eigenen Übertragung auf die Patientin entdeckte. „Er hockte ihr im Nacken“, heißt es jetzt, „saß dort, während sie, halb sitzend, halb liegend, sich ihm darbieten musste. Um die fünfzig Mal hatte sie das schon gemacht, sie hatte nachgerechnet. Fünfzig Mal! Und das Klicken seiner Uhrkette zum Wahnsinnigwerden.“

          Adler hat die Diwan-Passage geschickt auf links gedreht. Idas Aufsässigkeit kommt in die Sprache, wenngleich in eine, die nicht wie damals zeitgemäß klingt; ihr wacher Geist, ihre aggressive Verweigerungshaltung – und ihr Bedürfnis, sich im Sprechen befreien und darstellen zu können, Glauben für ihre Bedrängnis zu finden. Freud glaubt Ida, deckt aber auch ihre – jedenfalls in seiner Sicht – verdrängten, sexuell grundierten Wünsche auf.

          Als ihm Ida nach knapp drei Monaten von der Couch gesprungen war, hätte der Roman erst richtig Fahrt aufnehmen müssen. Stattdessen kommt Katharina Adler von Freud nicht los, im Gegenteil: Sie bürdet Ida die Last der Symbole aus der Analyse lebenslang auf, vom kleinen Täschchen mit seidigem Innenfutter, das sie noch 1941 in New York einer Ohnmacht nahbringt, bis zu den Zigaretten, an denen sie ununterbrochen rauchend zieht. Und bis zur tiefsitzenden Abwehr Männern gegenüber wie zu ihren pubertären Verführungswünschen, wenn sie noch in Wien als Fünfzigjährige einem hübschen liederlichen Kerl ihr letztes Geld leiht.

          Schauplatz ist Wien des 19. Jahrhunderts

          Mit ihrem Debütroman schreibt sich Katharina Adler ausdrücklich in die Familiengeschichte ein, in der Widmung „Für die Adlers“. Es stellt sich freilich die Frage, was diese Verwandtschaft im Fall von „Ida“ beglaubigen kann – oder soll? Zumal die Protagonistin als eher unsympathische Person dargestellt ist, als mitunter boshafte, zu keiner Empathie fähige erwachsene Frau.

          Es entsteht der Eindruck, dass die Autorin dem Familienroman dieser Neurotikerin im Wortsinn nicht nur die Codierung durch die bruchstückhafte Analyse, sondern auch die schlechtesten Eigenschaften beider Eltern mitgegeben hat. Diese Melange agiert auch noch die alternde Ida an ihrem Sohn und dessen junger amerikanischer Frau aus. Dabei bleibt gelegentlich etwas auf der Strecke, was die Frau, außer der „Fall Dora“, literaturfähig macht.

          Um der Vita ihrer Ida Bauer Halt zu geben, bettet Katharina Adler sie ein in die bourgeoise Welt des Fin de siècle, sie ruft das Wien der vorvorigen Jahrhundertwende auf, bis in die Ubiquität der Verlogenheit. Dem Bruder Otto Bauer, seinem privaten Leben und seinem Kampf für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei ist viel Raum gewidmet, dann dem Vormarsch der Nationalsozialisten in Österreich, vor denen Otto und schließlich Ida noch fliehen können. Es ist spürbar, wie sehr die Autorin um Welthaltigkeit bemüht ist, ein Sittengemälde. Vielleicht auch, weil Ida allein – egal ob durch familiale Erzählungen beglaubigt oder als fiktive Person – nicht mehr genug Stoff hergibt, nach dem Ende ihrer Jugend.

          Beherzter Versuch eines großen Wurfs

          Bei aller Sorgfalt im Detail für die Figuren ist es erstaunlich, wie wenig plastisch vor allem Ida selbst dem Leser vor Augen tritt. Schilderungen über das Aussehen des Mädchens, der jungen, der alternden Frau fehlen praktisch ganz. Freuds Beschreibung im „Bruchstück“ – „Dora war inzwischen zu einem blühenden Mädchen von intelligenten und gefälligen Gesichtszügen herangewachsen“ – ist wenig hilfreich, wenn es um die Protagonistin in ihrer physischen Attraktivität geht. Die sie gehabt haben muss – und haben wollte. Im Zusammenhang mit einem weiteren Übergriff des Familienfreunds heißt es einmal: „War sie so lieb, wirklich so wunderschön? Es spielte keine Rolle, schalt sie sich, wo Hanns’ Benehmen so gar nicht recht gewesen war. Aber wunderschön, wunderschön wollte sie sein.“

          Es wird nicht ganz klar, welche Geschichte Katharina Bauer eigentlich erzählen wollte – die über die Wirkung der Deformationen, die einer Heranwachsenden im Wiener Milieu jener Zeiten in ihrer Familie geschehen sind; oder die über die Prägung, die Ida Bauer für den Rest ihres Lebens in den Wochen auf Freuds Couch erfahren hat.

          So bleibt „Ida“ der beherzte Versuch eines großen Wurfs. Katharina Adler hat einen Roman geschrieben, der sich auch einem Publikum nicht verschließt, das unvertraut mit Freuds Denken ist. Und zweifellos ist ihr die opulente Vorlage für ein Drehbuch gelungen..

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