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Debütroman von Katharina Adler : Ida, der Herr Doktor und sein Diwan

Adler hat die Diwan-Passage geschickt auf links gedreht. Idas Aufsässigkeit kommt in die Sprache, wenngleich in eine, die nicht wie damals zeitgemäß klingt; ihr wacher Geist, ihre aggressive Verweigerungshaltung – und ihr Bedürfnis, sich im Sprechen befreien und darstellen zu können, Glauben für ihre Bedrängnis zu finden. Freud glaubt Ida, deckt aber auch ihre – jedenfalls in seiner Sicht – verdrängten, sexuell grundierten Wünsche auf.

Als ihm Ida nach knapp drei Monaten von der Couch gesprungen war, hätte der Roman erst richtig Fahrt aufnehmen müssen. Stattdessen kommt Katharina Adler von Freud nicht los, im Gegenteil: Sie bürdet Ida die Last der Symbole aus der Analyse lebenslang auf, vom kleinen Täschchen mit seidigem Innenfutter, das sie noch 1941 in New York einer Ohnmacht nahbringt, bis zu den Zigaretten, an denen sie ununterbrochen rauchend zieht. Und bis zur tiefsitzenden Abwehr Männern gegenüber wie zu ihren pubertären Verführungswünschen, wenn sie noch in Wien als Fünfzigjährige einem hübschen liederlichen Kerl ihr letztes Geld leiht.

Schauplatz ist Wien des 19. Jahrhunderts

Mit ihrem Debütroman schreibt sich Katharina Adler ausdrücklich in die Familiengeschichte ein, in der Widmung „Für die Adlers“. Es stellt sich freilich die Frage, was diese Verwandtschaft im Fall von „Ida“ beglaubigen kann – oder soll? Zumal die Protagonistin als eher unsympathische Person dargestellt ist, als mitunter boshafte, zu keiner Empathie fähige erwachsene Frau.

Es entsteht der Eindruck, dass die Autorin dem Familienroman dieser Neurotikerin im Wortsinn nicht nur die Codierung durch die bruchstückhafte Analyse, sondern auch die schlechtesten Eigenschaften beider Eltern mitgegeben hat. Diese Melange agiert auch noch die alternde Ida an ihrem Sohn und dessen junger amerikanischer Frau aus. Dabei bleibt gelegentlich etwas auf der Strecke, was die Frau, außer der „Fall Dora“, literaturfähig macht.

Um der Vita ihrer Ida Bauer Halt zu geben, bettet Katharina Adler sie ein in die bourgeoise Welt des Fin de siècle, sie ruft das Wien der vorvorigen Jahrhundertwende auf, bis in die Ubiquität der Verlogenheit. Dem Bruder Otto Bauer, seinem privaten Leben und seinem Kampf für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei ist viel Raum gewidmet, dann dem Vormarsch der Nationalsozialisten in Österreich, vor denen Otto und schließlich Ida noch fliehen können. Es ist spürbar, wie sehr die Autorin um Welthaltigkeit bemüht ist, ein Sittengemälde. Vielleicht auch, weil Ida allein – egal ob durch familiale Erzählungen beglaubigt oder als fiktive Person – nicht mehr genug Stoff hergibt, nach dem Ende ihrer Jugend.

Beherzter Versuch eines großen Wurfs

Bei aller Sorgfalt im Detail für die Figuren ist es erstaunlich, wie wenig plastisch vor allem Ida selbst dem Leser vor Augen tritt. Schilderungen über das Aussehen des Mädchens, der jungen, der alternden Frau fehlen praktisch ganz. Freuds Beschreibung im „Bruchstück“ – „Dora war inzwischen zu einem blühenden Mädchen von intelligenten und gefälligen Gesichtszügen herangewachsen“ – ist wenig hilfreich, wenn es um die Protagonistin in ihrer physischen Attraktivität geht. Die sie gehabt haben muss – und haben wollte. Im Zusammenhang mit einem weiteren Übergriff des Familienfreunds heißt es einmal: „War sie so lieb, wirklich so wunderschön? Es spielte keine Rolle, schalt sie sich, wo Hanns’ Benehmen so gar nicht recht gewesen war. Aber wunderschön, wunderschön wollte sie sein.“

Es wird nicht ganz klar, welche Geschichte Katharina Bauer eigentlich erzählen wollte – die über die Wirkung der Deformationen, die einer Heranwachsenden im Wiener Milieu jener Zeiten in ihrer Familie geschehen sind; oder die über die Prägung, die Ida Bauer für den Rest ihres Lebens in den Wochen auf Freuds Couch erfahren hat.

So bleibt „Ida“ der beherzte Versuch eines großen Wurfs. Katharina Adler hat einen Roman geschrieben, der sich auch einem Publikum nicht verschließt, das unvertraut mit Freuds Denken ist. Und zweifellos ist ihr die opulente Vorlage für ein Drehbuch gelungen..

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