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Katerina Poladjans neuer Roman : Und, sollte ich jetzt gerührt sein?

Im 11. Jahrhundert errichtet, 1957 bei einem Sturm halb eingestürzt: die Erlöserkirche von Ani, einst Hauptstadt Armeniens, 42 Kilometer östlich von Kars Bild: Mauritius

Das Geschichte einer Herkunft: Katerina Poladjans neuer Roman „Hier sind Löwen“ führt eine Buchrestauratorin nach Armenien und vor Fragen ihrer familiären Gegenwart und Vergangenheit.

          Kinder verstehen einfach noch nicht, dass wir Menschen nicht nur in der Natur leben, sondern auch in der Geschichte: So tröstet sich Kevork, vor mehr als hundert Jahren Wirt eines Restaurants in Ordu, nachdem er auf seine Mahnung hin, dem Leben und Gott die Treue zu halten, in verständnislose Kinderaugen geblickt hat. Der Leser von Katerina Poladjans neuem Roman „Hier sind Löwen“ ahnt allenfalls, gerade ein paar Dutzend Seiten tief im Buch, welchen Hallraum die Autorin mit diesem Satz noch zum Klingen bringen wird.

          Und was ahnt der armenische Wirt selbst, der am liebsten das ganze Osmanische Reich auf seiner Terrasse am Schwarzen Meer in der heutigen Türkei versammelt sieht? Kurz darauf brennt es in der Stadt, Fensterscheiben werden eingeworfen, Gendarmen kommen in die Häuser der Armenier und holen die Männer ab, auch Kevork und seinen Ältesten, später die beiden Kleinen, nur Hrant und Anahid bleiben übrig, fliehen schließlich, weil die Aufforderung dazu – „lauft endlich, lauft!“ – das Letzte ist, was ihre Mutter schreien kann.

          Alles, was die beiden Kinder, sechs und vierzehn Jahre alt, auf ihrer Flucht dabeihaben, die eher ein Umherirren ist, ein Stolpern, ist die jahrhundertealte handgeschriebene Bibel der Familie. Abermals gut hundert Jahre später schlägt die Buchrestauratorin Helene Mazavian sie in Jerewan, fünfhundert Kilometer weiter östlich, wieder auf. Ein Austauschprogramm hat die Deutsche mit dem hier so vertraut klingenden Nachnamen in die armenische Hauptstadt geführt, in der Absicht, den Umgang mit der speziellen Buchbindetechnik des Landes zu lernen - und mit einem Foto im Gepäck, das ihr die Mutter vor der Abreise noch zugesteckt hatte. Dreizehn Personen mit ernsten Gesichtern sind darauf zu sehen, auf der Rückseite ein Ort und eine Jahreszahl notiert, Artaschat 1957. „Es sind Mitglieder der Familie, wer noch lebt, weiß ich nicht. Fahr hin, sprich mit ihnen.“

          Woher kommen Anahid und Hrant?

          Es ist Helene, die Katerina Poladjan in ihrem dritten Roman erzählen lässt, und natürlich lebt auch sie in der Geschichte – in ihrer eigenen, durch wenige Schlaglichter auf die Kindheit und kurze Telefonate mit dem Freund zu Hause erhellt, immer stärker in der Geschichte ihrer bislang unbekannten Familie, in der eines ihr bislang fremden Landes und in der Geschichte der beiden Kinder, auf deren Notizen sie in der Bibel stößt, die ihr als Übungsstück anvertraut wurde. „Anahid Anahid Anahid“ ist auf eine Seite gekritzelt, auf eine andere ein Gebet: „Hrant will nicht aufwachen. Mach, dass er aufwacht.“

          Katerina Poladjan: „Hier sind Löwen“. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2019. 288 S., geb., 22,- Euro.

          Noch bevor Poladjan in lose eingestreuten Kapiteln von den fliehenden Kindern zu erzählen beginnt, deutet sie mit einem Assoziationssprung in eine antike Anekdote an, dass ihre Helene durchaus phantasiebegabt ist. Entspringt auch die Geschichte von Anahid und Hrant letztlich ihrer Vorstellungskraft? Oder kann sie all das auf einer Reise erfahren haben, die sie schließlich von Jerewan in die Türkei, nach Ordu, führt und von dort aus weiter in den Osten, nach Kars, an die türkisch-armenische Grenze?

          Man will Liebe und macht alles falsch

          Als sie sich dort nach stundenlanger Fahrt zwischen Geröll und kargem Gestrüpp wiederfindet, einen leichten, hellen Knochen in der Hand, ein menschliches Schlüsselbein vielleicht, weiß sie nicht einmal mehr eine Antwort auf die Frage ihres heimischen Führers, ob es sich ihrer Ansicht nach wohl um armenische, türkische oder kurdische Knochen handele. Aber „Hier sind Löwen“ ist auch kein Buch der Erkenntnis, sondern ein Buch der Suche und des Eingeständnisses, was alles ungewusst, unbedacht, unerkannt ist. „Hic sunt leones“ stand in alten Karten über dem ungezeichnet, ansonsten unbeschriftet gelassenen unerkundeten Gebiet. Ob sie auf der Suche nach den weißen Flecken auf ihrer eigenen Landkarte sei, fragt ein Freund. Auch das weiß sie nicht.

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