https://www.faz.net/-gr3-720af

Karl Ove Knausgård: Lieben : Ein Schriftsteller überwacht sich selbst

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

In Skandinavien ist Karl Ove Knausgårds autobiographischer Romanzyklus äußerst erfolgreich. Nun liegt der zweite Band „Lieben“ auf Deutsch vor - ein Buch für Freunde von Reality-Soaps.

          Dieses Buch verlangt, wie das gesamte Leben, viel Geduld. Im Falle des Lebens lohnt sich die Geduld - aber auch bei diesem Buch? Da bin ich nicht so sicher.

          Karl Ove Knausgårds sechs gewaltige Bände umfassendes autobiographisches Romanprojekt mit dem der deutschen Leserschaft unzumutbaren Titel „Min Kamp“ („Mein Kampf“) ist in den skandinavischen Ländern ein Riesenerfolg: vielfach preisgekrönt und ein Bestseller zudem. Nun liegt nach „Sterben“ auch der zweite der 2009 erschienenen ersten drei Bände auf Deutsch vor: 763 lange Seiten, die wiederum Paul Berf so aufopferungsvoll wie zuverlässig aus dem Norwegischen übersetzt hat. Der Tatsache, dass „Min Kamp 2“ in Deutschland ausgerechnet in „Lieben“ umgetauft worden ist, wohnt natürlich eine gewisse Ironie inne, aber gerade diese Ironie charakterisiert das Buch nicht schlecht. Denn sein Autor liebt es, den wilden Mann zu spielen, und ist doch - ich kann es leider nicht anders sagen - irgendwie total süß. Genau diesem Umstand verdankt das korpulente Werk dieses Gefühlsberserkers seinen Erfolg. Es ist das Buch eines Mannes, der mit Hölderlin in der Linken und Hamsun, Mishima und Jünger in der Rechten gegen die Verweiblichung der Mittdreißiger antobt und doch akzeptieren muss, dass er „genauso verweiblicht war wie sie“. Diesem Mann wird jede Leserin ihr Baby anvertrauen können; er wird es lieben. Und gegen die Rolle wüten, die ihm da zugefallen ist. Er wird dabei natürlich den Kinderwagen weiter schieben; man muss ihn nur reden lassen, gern auch 763 Seiten lang.

          Dem Leben so nahe wie möglich

          Hatte „Sterben“ von Kindheit und Jugend des Autors und dem schwierigen Verhältnis zu seinem Vater, einem Alkoholiker, erzählt, handelt „Lieben“ nun von seiner Ehe mit Linda, dem alltäglichen Zusammenleben mit seinen kleinen Kindern Vanja, Heidi und John und dem schwierigen Versuch, als liebevoller junger Familienvater, der zugleich ein schreibbesessener Autor ist, den nötigen Freiraum zu gewinnen, um seine schriftstellerische Karriere voranzutreiben. War’s das? Das war’s. Es werden also viele Windeln gewechselt in diesem Roman und dabei wird sehr viel über die Literatur und das Leben nachgedacht. Das Resultat dieses Nachdenkens besteht in Knausgårds Buch im Verlust des Glaubens an die Literatur und einem Ekel gegenüber den in Serie gegangenen Erfindungen und Fiktionen, die das „Einzigartige“ jedes einzelnen Lebens verfehlen.

          Am Ende des Romans findet Knausgård eine Lösung seines schriftstellerischen Problems in der Idee, „meinem Leben so nahe zu kommen wie möglich, also schrieb ich über Linda und John, die im Nebenzimmer schliefen, Vanja und Heidi, die im Kindergarten waren, die Aussicht aus dem Fenster, die Musik, die ich hörte“. Der Autor als sein eigener Big Brother: kein Wunder, dass „Min Kamp“ so erfolgreich ist. Es ist das ideale Buch für Leser, denen es peinlich wäre, sich so etwas im Fernsehen anzuschauen, die sich aber von einem preisgekrönten Autor gern erzählen lassen, wie er Windeln wechselt, sich mit seiner Frau über den Abwasch streitet, den Müll wegbringt, sich Jacke und Schuhe anzieht, um auf dem Balkon eine Zigarette zu rauchen und dann noch eine, und danach Pasta kocht, und denen es gar nichts ausmacht, ihn fünfzig Seiten lang auf einen todlangweiligen Kindergeburtstag zu begleiten und ihm 25 Seiten lang bei der Geburt seines ersten Kindes über die Schulter zu schauen: „Das Kind glitt aus ihr heraus wie eine kleine Robbe und direkt in meine Hände. ‚Ooooo!’, rief ich. ‚Ooooo!’“

          Weitere Themen

          „All my Loving“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „All my Loving“

          „All my Loving“ ist der neue Film von Edward Berger und zeigt drei Geschwister, die an einem Punkt angelangt sind, an dem sie schnell etwas verändern müssen, bevor die zweite Hälfte ihres Lebens beginnt.

          Ahnung des Unendlichen

          Mozart als Romantiker : Ahnung des Unendlichen

          Warum hat Wolfgang Amadeus Mozart eine solch immense Wirkung auf Literatur, Musik und Philosophie der Romantik gehabt? In Würzburg stellt sich das Mozartfest dieser Frage. Der Aufwand ist berechtigt.

          Topmeldungen

          Nach Mays Ankündigung : Brexit-Opfer

          Das Brexit-Thema wurde May wie zuvor schon Cameron zum politischen Verhängnis – und es ist eine Last, die auch die kommende Regierung nicht einfach abschütteln kann. Die EU allerdings auch nicht.
          Erst der Anfang: Dem „Spiegel“ stehen grundlegende Neuerungen bevor.

          Bericht zu „Spiegel“-Skandal : „Ein verheerendes Bild“

          Fünf Monate nach dem Bekanntwerden seines Fälschungsskandals hat der „Spiegel“ den Abschlussbericht seiner internen Untersuchung vorgelegt. Er offenbart eine Verkettung missachteter Warnungen.
          Kam 1996 auf den Markt: das Schmerzmittel Oxycontin

          Amerikanische Opioid-Tragödie : McKinsey berät Purdue nicht länger

          Die amerikanische Opioidkrise hat schon Tausende Amerikaner das Leben gekostet. Im Zentrum der Tragödie steht das Pharmaunternehmen Purdue. McKinsey hat nun die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen eingestellt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.