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Karl-Markus Gauß: Die fröhlichen Untergeher von Roana : Die Frau als Wörterbuch

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Zwanzig Mannschaften traten bei der letzten Fußball-Europameisterschaft 2008 in Graubünden an. Die Aromunen hatten gute Chancen, die Rätoromanen sowieso. Die Zimbern waren die absoluten Außenseiter, nach denen traut sich sogar Günter Jauch nicht zu fragen, nicht einmal in der Millionenfrage. Es geht um die EM der Sprachminderheiten. Alle Spieler müssen die Sprache sprechen, weshalb die Nordfriesen fünfzehn Frauen nominierten. Ein Mann ein Wort, eine Frau ein Wörterbuch: die letzte Zuflucht der Sprachen ist weiblich.

          Die sind kein Spuk exzentrischer Wissenschaftler, die kleinen Völker, und sie sind zäh, das jedenfalls meinte Karl-Markus Gauß vor einiger Zeit bei einer Berliner Lesung. Noch lange werden sie sich dem monophonen Singsang eines Europas widersetzen, das sie fast vergessen hat. Dies im Ohr liest man das neue Buch des Salzburger Publizisten nicht als literarische Sterbebegleitung eines unabwendbaren Untergangs, sondern als Dokument eines trotzigen Überlebenskampfes. Ohnehin gehören die Gaußschen Bücher zu jenen raren Produkten des literarischen Betriebes, deren Ankündigung stets Vorfreude auslöst, verheißen sie doch Entdeckungsreisen. Diesmal fahren wir mit ihm zu den Assyrern nach Schweden, den Karaimen nach Litauen und den besagten Zimbern nach Oberitalien.

          Aus Assyrern wurden Vorzeigeschweden

          Im Falle der christlichen Assyrer, die Kriege, religiöser und ethnischer Fanatismus sowie blanke materielle Not innerhalb weniger Jahrzehnte aus ihren über Jahrtausende angestammten Heimaten im Orient vertrieben haben, gelingt Gauß eine meisterliche Studie über Volk und Nation in Zeiten moderner Zerstreuung, die in ihrer luziden, unprätentiösen Sprache und ihrer höflich-differenzierenden Distanz jedem Minderheitenforscher als Maßstab dienen könnte. Das Exil in Schweden, wo die Assyrer seit Generationen zum ersten Mal wieder Minderheitenschutz genießen und Unterricht in ihrer Muttersprache erhalten, hat sie gewissermaßen zu einer Nation zusammengeschweißt, die sie so nie waren.

          Die schwedische Kleinstadt Södertälje wird zum Zentrum der assyrischen Welt, weil von hier aus ein eigener Fernsehsender Nachrichten in die über den Globus verstreuten Wohnzimmer des Dreimillionenvolkes ausstrahlt. Während sich die Christen des Orients erst in der Diaspora als Nation ohne Staat konstituieren, wird ihre Rückkehr in die angestammten Heimaten immer unwahrscheinlicher. Exil und Heimatverlust haben aus ihnen Assyrer und Vorzeigeschweden zugleich gemacht, mit exzellenten Schulabschlüssen und einer legendären Fußballmannschaft. Doch selbst im Einwandererparadies Schweden hat die Integration dieser fleißigen und friedlichen Minderheit ihre Grenzen, wenn es um den Aufstieg in die mehrheitsgesellschaftliche Elite geht.

          Sprachen, die dem Vergessen anheimfallen

          Die vermutlich von den Langobarden abstammenden Zimbern und die Karaimen, eine von der Krim nach Litauen eingewanderte Minderheit, deren Sprache dem Tatarischen ähnelt, deren Religion aber auf einer puristischen Auslegung des Judentums beruht, müssen sich tatsächlich um ihr Überleben sorgen. Während die Zimbern, deren Sprache mit dem Dialekt der Südtiroler wenig gemein hat, vor gut einem Jahrtausend als Köhler und Handwerker über die Alpen nach Süden gelangten, verpflichtete der polnisch-litauische Adel, dessen Imperium einst bis ans Schwarze Meer reichte, die seltsamen jüdischen Häretiker als Leibgarde, eine verbreitete und Imperien übergreifende uralte Praxis, wie man an der marokkanischen Leibgarde des General Franco oder der Schweizer des Papstes sehen kann. Heute leben ein paar tausend Karaimen in Israel, als nichtjüdische Juden. Die Reste ihrer einst blühenden Kultur besichtigt der Autor in Vilnius und auf der Halbinsel Trakai.

          Worum es denn diesen kleinen seltsamen Völkern eigentlich gehe, mag der mehrheitlich einer Mehrheit angehörende Europäer fragen, wenn doch ihre Kulturen selbst mit Hilfe von außen nicht recht überleben können, sie kein Land ihr Eigen nennen und ihre Sprachen mehr und mehr dem Vergessen anheimfallen. Sind sie also doch nur ein Spuk aus fernen Zeiten? Nun, so Gauß, diese Mitglieder im Club der heiteren Untergeher, die den Mächtigen und Großen im Weg stehen wie ein störrischer Ziegenbock, obwohl sie für sich selbst doch nie etwas Großes, geschweige denn einen Staat, beanspruchten, wollen - solange es sie noch gibt - nicht mehr und nicht minder als einfach nur das sein, was sie nun einmal sind: Assyrer, Karaimen, Zimbern.

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