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Karl-Markus Gauß: Das Erste, was ich sah : Lieber nicht in die Berge

  • -Aktualisiert am

Bild: Hanser

Karl-Markus Gauß beschwört in seinem Roman eine Salzburger Kindheit um 1958. Seine Prosaminiaturen erzählen aus kindlicher Perspektive, jedoch mit erwachsener Reife ein österreichisches Generationenporträt.

          Alle guten Schriftsteller wissen, dass ihre Arbeit in nichts anderem besteht, als die Motive und Entdeckungen ihrer Kindheit fortzuschreiben. Diese Arbeit mit unseren „wirklichen Dimensionen“, wie Lars Gustafsson das an einer Stelle genannt hat, kann durch viele Filter gehen und ihre eigentliche Quelle bis zur Unkenntlichkeit verbergen. Sie kann, wie in Prousts „Combray“ oder Nathalie Sarrautes „Kindheit“, eine sehr durchreflektierte Romanform annehmen. Sie kann aber auch in Gestalt direkter Kindheitserinnerungen daherkommen: chronologisch im Plauderton erzählend oder in prägnante einzelne Bilder aufgebrochen, die jedes für sich stehen, wie erst kürzlich in Hans Stiletts schönen Erinnerungen „Eulenrod“.

          Wenn solche einzelnen Bilder in der Art ihrer Komposition noch einmal über sich selbst hinausweisen, bewegt man sich auf der Ebene von Benjamins „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“. Auf dieser Ebene sind auch die Stücke aus der Kindheit von Karl-Markus Gauß anzusiedeln, die jetzt unter dem Titel „Das Erste, was ich sah“ vorliegen.

          Schreckliche Vereinfacher

          Es beginnt mit der Stimme aus dem Radio, die in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre noch immer Suchmeldungen durchgibt und zum Beispiel den Gefreiten Matthäus Ploderer sucht, zuletzt gesehen 1943 in Pitomnik. Und es endet mit dem kranken Kind, das man wegen der Ansteckungsgefahr nicht besuchen darf und das doch gerettet wird: „Denn etwas war in den zwei Jahren zuvor geschehen, das mein Leben veränderte und ihm die Richtung wies: Ich konnte jetzt lesen.“

          Zum Lesen kommt später das eigene Schreiben, das ist die „Richtung“, die gewiesen wurde. Karl-Markus Gauß verdanken wir eine Reihe sehr kluger, weil nicht bescheidwisserischer Essays und Notate sowie einen lexikalisch inspirierten Band mit dem Titel „Das Europäische Alphabet“, den man zur Pflichtlektüre aller schrecklichen Vereinfacher machen sollte, seien sie nun Europagegner oder Europapropagandisten.

          Völlig empathisch und gegen jeglichen Provinzialismus

          Liest man jetzt Gauß’ Szenen aus der Kindheit, so wird unter anderem klar, warum dieser Autor über sogenannte Minderheiten so empathisch schreiben kann und zugleich strikt antiidentitär ist, der nichts so sehr verabscheut wie das „Mir san mir“ jeglicher Provenienz. „Ich war der einzige gebürtige Österreicher der Familie. Die Eltern und Geschwister hatten jahrelang als Staatenlose in einer Barackensiedlung für Heimatvertriebene am Stadtrand gelebt. Die Staatsbürgerschaft erhielten sie erst kurz bevor ich zu ihnen stieß ...“. Gauß ist der Nachkomme von Donauschwaben, in diesem Fall aus der Batschka, dem ungarischen respektive serbischen Flachland zwischen Donau und Theiß.

          Deshalb geht die Familie von Salzburg aus (wo Gauß noch heute lebt) auch nie in die nahen Berge: „Unsere Eltern waren Flachländer und sagten, die Berge seien am schönsten aus der Ferne, aber auch von da nicht so schön wie die Ebene, aus der sie stammten und die Batschka hieß.“ Wenn die Nachbarn sonntags zu Bergtouren aufbrechen, der Vater in Knickerbockern und mit dem Rucksack auf dem Rücken, die Mutter mit weißen Stutzen unter der Kniebundhose, die Söhne Diethard, Rüdiger und Waldemar voraus, geht die Familie Gauß lieber ins Kino. Und am Abend, sagt der Vater, werde man sehen, ob die Nazis (gemeint sind die wandernden Nachbarn) „immer noch so gutgelaunt sind, wenn sie aus dem Feld zurückkehren“.

          Sprachen wechseln mit der Stimmung

          Die Herkunft befähigt die Eltern im Übrigen, für jede Stimmungslage die richtige Sprache zu finden. Das ist wörtlich zu verstehen, „denn auf Ungarisch sprachen sie nur, wenn sie sich in einträchtiger Stimmung befanden, ganz anders, als wenn sie unversehens ins Serbokroatische wechselten; dann zischten sie sich die Worte zu, die wir nicht verstehen sollten, von denen wir aber verstanden, dass es böse Worte waren, so dass das Serbokroatische für uns immer Unfrieden bedeutete und dieses tagelange dumpfe Brüten ankündigte, das auf ihren Streit zu folgen pflegte“.

          Gauß’ Szenen beschwören eine Salzburger Kindheit um 1958: eine Nachkriegszeit, in der die Kriegsversehrten und Verstümmelten zum normalen Straßenbild gehören, in der Flüchtlinge und Zugewanderte misstrauisch beäugt werden von den Einheimischen, in der man um die Nazi-Vergangenheit des einen oder anderen Nachbarn bestens Bescheid weiß - all das, was man als etwas älterer Generationsgenosse gut kennt.

          Geschmeidige und ironische Miniaturen

          Doch dieses österreichische Generationenporträt - das auch für die entsprechende westdeutsche Generation Gültigkeit hat - ist nicht dazu angetan, Altbekanntes noch einmal abzurufen, auch wenn man so vieles zu kennen glaubt: langweilige Besuche von und bei Verwandten; die Entdeckung des Fußballs; die Erkenntnis, dass man Gott eigentlich nicht so recht trauen kann; die Entdeckung, dass man körperliche Überlegenheit durch rhetorische Schärfe ausgleichen kann; der kindliche Schrecken darüber, wenn böse Wünsche gegenüber anderen in Erfüllung gehen.

          Gauß komponiert seine Bilder, die selten vier Seiten überschreiten, mit großer erzählerischer Ökonomie und sprachlicher Disziplin. Es ist ein Genuss, diese entschlackte Sprache zu lesen, die dennoch nicht spröde ist, sondern geschmeidig und voller Ironie. Sie schafft eine Art Verfremdungseffekt, der den Leser, der all das aus seiner eigenen Kindheit zu kennen glaubt, noch einmal neu hinsehen lässt. Ähnlich wie Benjamin gelingt es Gauß, aus der kindlichen Perspektive zu erzählen, ohne zu unterschlagen, dass es der erwachsene Autor ist, der hier schreibt und einordnet. Hier wird nicht mit vorgespiegelter Naivität und Unschuld gearbeitet, und doch teilt sich der Zauber einer - wohl überwiegend glücklichen - Kindheit mit.

          Profiteur der zuvor ausgefochtenen Kämpfe

          Als Jüngster in der Familie profitiert er von den Kämpfen, die andere schon vor ihm und für ihn geführt haben, und seitens der Eltern von deren Liebe wie Klugheit. Die Straßen des Salzburger Viertels, in dem Gauß aufwuchs, sind nach Generälen und Feldmarschällen benannt, „und unsere, die wichtigste Straße, verdankte ihren Namen dem vielbesungenen Sieger auf den Schlachtfeldern von Custoza, Mortara und Novara, General Joseph Wenzel von Radetzky. Lauter Siege, sagte der Vater, und trotzdem hat Österreich den Krieg verloren.“ Das ist doch einmal ein unübertreffliches Resümee.

          Von den letzten Seiten des Buches abgesehen, folgen diese Szenen nicht einer strengen Chronologie, sondern entfalten sich anhand von Motiven. Auch darin ist das schmale Buch Benjamins Berliner Kindheitsszenen verwandt. Im Ton ist es leichter. Leichtgewichtiger aber ist es nicht.

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