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Karl-Heinz Ott: Wintzenried : Der dümmste und also folgenreichste aller Aufklärer

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Was Kritiker und Bewunderer bis heute eint, ist ein Pathos, das dem Rousseaus kaum nachsteht. Selbst Hannah Arendt griff zu erhabenen Worten: „In dieser Rebellion des Herzens gegen die eigene gesellschaftliche Existenz wurde das moderne Individuum geboren.“ Ott dagegen stutzt den Popstar der (Anti-)Aufklärung auf Menschenmaß zurück, zeigt ihn als talentierten Aufschneider und sozial Inkompetenten, der bemitleidenswert durch eine Moderne stolpert, die ihn nicht nötig hatte. Dabei hält es der Autor wohl am ehesten mit Friedrich Kittler, der Rousseau kurzerhand als „dümmsten, paranoischsten und folglich politisch folgenreichsten aller Aufklärer“ charakterisiert. Nichts von gelebter Dialektik hat es denn auch, wenn Rousseau „in seinem Rupfensack wie ein afghanischer Bettler“ im Theater David Garricks sitzt zum Amüsement von König und Volk gleichermaßen.

Schreiben Sie doch das Gegenteil!

Zu Beginn, in den Fängen von Madame Lambercier (“Mama“), mag ihm noch unser Mitgefühl gehören: „Manchmal denkt er: Ich möchte nur noch geschlagen werden, mein ganzes Leben lang.“ Mit der Konversion zum Katholizismus zahlt er ihre Zuneigung und kann sie doch nicht halten. Dann wird der Held mit jeder Seite unsympathischer. Dauerhaft gekränkt fühlt er sich, während er in Wahrheit alle zurückstößt, die ihm Gutes wollen, zumal all die Frauen, in die er sich voller Eifer verliebt und auf deren Kosten er immer wieder lebt. Zunächst will sich Rousseau auf dem Gebiet der Musik bewähren, was für ihn bedeutet, sie komplett zu erneuern. So rennt er - man weiß es ja und liest es doch höchst gespannt - mit seinem eigenen Notensystem grandios vor die Wand.

Es beginnt die wichtige Zeit in Paris: Diderot, Grimm und die übrigen Enzyklopädisten treten in Rousseaus Leben, auch Thérèse, die Dauergeliebte. Die Schlüsselszene des Romans spielt im Schloss von Vincennes, in dem Diderot gerade einsitzt. Rousseau eröffnet seinem Freund, was er auf die Preisfrage der Akademie von Dijon, ob die Wissenschaften die Sitten verbessert hätten, zu schreiben gedenke: ein Loblied auf die Wissenschaft. Diderot rümpft die Nase, ein alter Hut sei das und langweilig. Was er denn dann schreiben solle, will der erstaunte Schwärmer wissen. Diderot schlägt vor: „Einfach das Gegenteil.“

Die Vernarrung der Welt

Rousseau lehnt entrüstet ab. Doch bald will es ihm wie sein eigener Einfall scheinen, ja, wie die Weltformel: „Der Fortschritt der Wissenschaften und der Künste hat alles Schlichte und Starke vernichtet.“ Aus Diderots Scherz wird schmerzhafte Wahrheit, denn weil sich endlich Erfolg einstellt, hagelt es nun wütende Pamphlete gegen die Zivilisation. Viele Orte, selbst das geliebte Genf, darf ihr Autor, der sich mit Jesus und Sokrates im Bunde wähnt, nicht mehr betreten, findet aber immer wieder eitle Mäzene, die es reizt, sich mit dem Outlaw zu schmücken.

Was wir von Rousseau derweil hören und sehen - er stellt Mädchen mit selbstgeklöppelten Spitzenbändern nach, um sie zum Kinderkriegen zu animieren -, ist so wunderbar boshaft kümmerlich, dass man gar nicht fragt, ob Karl-Heinz Ott Rousseaus intellektuelles Vermächtnis nicht doch etwas undifferenziert sieht. So unglamourös wie die Verwilderung des Philosophen ist schließlich sein Dahinscheiden im Schlosspark des Marquis von Girardin, dem letzten Exil.

Um die Mordgerüchte, die Lion Feuchtwanger noch einen ganzen Roman wert waren, macht Ott kein Aufhebens, lässt sein Buch aber mit derselben Elevation enden, welche allerdings die Vernarrung der Welt kennzeichnet: mit der Überführung des Leichnams ins Pantheon. Und dort liegt Rousseau bis heute - in einer Welt, die größenwahnsinnige Schwätzer vergöttert.

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