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Karl Heinz Bohrer: Granatsplitter : Abenteuerlich beherzt

          6 Min.

          Der wichtigste Satz in Karl Heinz Bohrers am kommenden Montag erscheinenden Buch „Granatsplitter“ steht gar nicht im Text, sondern in einem Postscriptum: „Dies ist nicht Teil einer Autobiographie, sondern Phantasie einer Jugend.“ Damit tritt nach 315 Seiten dieser im Untertitel als „Erzählung einer Jugend“ apostrophierten Lektüre eine neue literarische Kategorie in Erscheinung: die der Phantasie. Ein Gedankenspiel also sollen wir gelesen haben, und in der Tat ist „Granatsplitter“ gedankenreich wie kaum ein zweites Buch. Doch welches Spiel hat Bohrer vorgeführt? Am ehesten ein Zauberkunststück, denn die Verzauberung beim Lesen ist so groß gewesen, dass die paradoxe Entzauberung durch die nachgereichte Verschiebung vom Realen ins Phantastische gar nichts von der Wirkung nimmt. „Granatsplitter“ ist ein Meisterwerk der Erinnerung, gerade weil das Buch „ausschließlich durch die Darstellung der Atmosphäre und der Gedanken einer vergangenen Zeit“, wie Bohrer schreibt, befriedigen soll.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das tut es. Aber dieser Effekt wird dadurch erzielt, dass die Darstellung die Vergangenheit verlebendigt, sie damit gegenwärtig macht, uns gewissermaßen Farbbilder vorstellt aus einer Welt, die wir immer nur in Schwarzweiß gesehen haben. Bohrer erzählt von Krieg und Nachkrieg, und man kann nicht von der Tatsache abstrahieren, das seine namenlose Hauptfigur, die vom Erzähler immer nur „der Junge“ genannt wird, in noch den letzten biographischen Details mit seinem Autor übereinstimmt. Der grobe Verlauf, von dem das Buch erzählt ist folgender: geboren 1932 in Köln, Trennung der Eltern im Krieg, Schulzeit seit 1943 im reformpädagogischen Internat Birklehof im Schwarzwald, unterbrochen durch Kriegsende und Heimkehr ins zerbombte Rheinland, Rückkehr 1947 ins Internat und später dort Abitur, schließlich erster längerer Auslandsaufenthalt in England 1953 als Student, aber nur zum Geldverdienen und Völkerverständigen. Das ist die Adoleszenz von Karl Heinz Bohrer, es ist auch die des Jungen seiner Erzählung.

          Ein für den Leser rätselhaftes Genre

          Und doch ist es viel mehr, denn im Mittelpunkt der Erzählung steht die Geschichte einer produktiven Befremdung. Aus dem Jungen wird ein kultivierter und vor allem neugieriger Mann, und alles, was zu dieser Erziehung des Geschmacks beiträgt, ist der Gegenstand dieses Buch, „nicht als Wahrheitspartikel“, wie Bohrer im Gespräch mit dieser Zeitung erläutert hat (F.A.Z. vom 4. Juli), „sondern als Phänomen“.

          Nun hätte Bohrer sich das Ganze leicht machen und „Roman“ drauf schreiben lassen können, wenn es ihm um die klare Trennung zwischen Wahrheit und Fiktion, Autor und erzählter Figur gegangen wäre. Doch der Großmeister der deutschen Literaturkritik und Ästhetiktheorie ist viel zu gewieft für ein solch durchschaubares Manöver. Die von ihm gewählte Kategorie der Erzählung ist zwar literarisch im Deutschen auch wohldefiniert, aber im allgemeinen Sprachverständnis umfasst sie noch anderes, vor allem den erinnernden Bericht. Bohrer hat also ein Genre gewählt, das zwar den Germanisten kein Rätsel aufgibt, allen anderen Lesern aber umso mehr.

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