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Karl Dedecius: Meine polnische Bibliothek : Die Bauern fleißig, die Kühe milchig und die Schafe wollig

  • -Aktualisiert am

Bild: Insel Verlag

Nachrichten aus einem nahen Land: Karl Dedecius hat die Quintessenz seiner fünfzigbändigen „Polnischen Bibliothek“ in eine lohnende Anthologie gepackt.

          Einmal kommt Tadeusz Rówicz nach Deutschland und besucht Karl Dedecius. Beide sind in reifem Alter. Nach der Begrüßung des polnischen Freundes und einigen Fragen entschuldigt sich der, so Róewicz, „angesehene Rentner“ für einen Moment und geht die Treppe hinauf zum Arbeitszimmer. Der Gast schaut sich die Zeitungen an, blickt zum Fenster hinaus und wieder hinein in die Zeitungen. Von Dedecius ist nichts zu hören. Nach einiger Zeit legt Róewicz die Zeitungen beiseite, er wird unruhig. Schließlich geht er die Treppe hinauf, hört „das geschäftige monotone Klopfen einer Schreibmaschine“ und öffnet die Tür. Dedecius sitzt inmitten von Büchern und Papierbergen am Schreibtisch und tippt eilig. „Was machst du denn da?“, fragt Róewicz ungläubig. „Für die Gesundheit, antwortest du, das tut mir gut; gleich bin ich fertig, dann gehen wir ein Bier trinken.“

          So leicht lässt sich das „parallele Leben“ nicht aufgeben, das Dedecius jahrzehntelang geführt hat. Neben seiner Tätigkeit als leitender Angestellter der Allianz-Versicherung übersetzte er ein Vierteljahrhundert lang polnische Literatur, gab sie heraus, führte die Autoren in Deutschland ein und besuchte sie in Polen oder im Exil. Je nach Perspektive hielten ihn manche für einen kommunistischen oder einen CIA-Agenten. Dann gründete Dedecius 1979 das Deutsche Polen Institut in Darmstadt und arbeitete dort bis 1997 mit; zum Übersetzen kam er da wiederum nur in der Freizeit und unter Vernachlässigung manch prominenten Besuchs. Wer weiß, vielleicht wäre das Lebenswerk dieses Mannes, der im Mai seinen neunzigsten Geburtstag feierte, ohne diese Doppelgleisigkeit auch gar nicht erst entstanden.

          Dedecius orientiert sich an seinem Schulstoff

          Sie steht schon am Anfang: In der sowjetischen Gefangenschaft, in die er bei Stalingrad geraten war, übertrug Dedecius Gedichte von Lermontow und vergaß über dessen Jugendwunden die eigenen. 1950 wird er aus der Gefangenschaft entlassen und siedelt 1952, weil der politische Druck zunimmt, aus der DDR in die Bundesrepublik über. Nun werden die Übersetzungen aus dem Polnischen zahlreicher als die aus dem Russischen. Dedecius verficht im Kalten Krieg die Entspannungspolitik, bevor es den Begriff überhaupt gibt, und er weiß wie nur wenige im Literaturbetrieb alle Räder in Bewegung zu setzen, um „seine“ Polen, darunter Cesaw Miosz, Stanisaw Jerzy Lec, Zbigniew Herbert und Wysawa Szymborska, in Deutschland bekannt zu machen. Mit Hilfe des Deutschen Polen Instituts münden seine Anstrengungen in die fünfzigbändige „Polnische Bibliothek“ und das siebenbändige „Panorama der polnischen Literatur“. Die großen Editionen krönen zahllose Einzelveröffentlichungen. Die Bücher sollen die Grundlagen eines Miteinanders von Deutschen und Polen schaffen, das durch Besatzung, Krieg und Massenmord zerstört wurde. Dedecius hatte dieses Miteinander noch erfahren in der polnischen Textilindustriestadt odz, wo er als Sohn zugezogener deutschstämmiger Eltern geboren wurde.

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