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Karen Köhlers Roman „Miroloi“ : Alles Übel kommt aus der Drübenwelt

Buchautorin Karen Köhler entwirft in ihrem ersten Roman „Miroloi“ eine Gesellschaftsparabel. Bild: Picture-Alliance

Auf einer entlegenen Insel lebt eine Dorfgemeinschaft nach eigenen Regeln und Gesetzen. In Karen Köhlers erstem Roman „Miroloi“ wird der Ich-Erzählerin noch nicht einmal ein Name gewährt.

          Dass sich Männer so viel selbstverständlicher in der Welt bewegen als Frauen und sich den Raum für ihre Positionen ungefragt nehmen, das war die Ausgangslage von Karen Köhlers literarischem Debüt „Wir haben Raketen geangelt“ vor vier Jahren. Diese neun Storys thematisierten zugleich aber auch weibliche Unfähigkeit, überhaupt ein Gespür für die eigene Positionierung zu entwickeln. Psychologisch drastisch ausgedeutet, kam da unter anderem die Musicaldarstellerin eines Kreuzfahrtschiffs zu Wort, die bereits die Karibik, eine Transatlantikpassage, eine Europa-Umrundung und eine Nordlandtour hinter sich gebracht hatte und trotzdem größtmögliche Distanz von sich und der Welt erfuhr. Die Erzählungen drangen dabei von der Zivilisation immer weiter in die Natur vor; von einer deutschen Großstadt ging es über den amerikanischen Westen und Italien bis in die Wildnis Sibiriens.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Thema weibliche Autonomie und Selbstermächtigung verhandelt die 1974 in Hamburg geborene Karen Köhler nun auch in ihrem ersten Roman, um es literarisch gleichwohl in eine andere Richtung zu treiben. Waren ihre Erzählungen in der Gegenwart dieser Autorin verankert, die viele Jahre als Schauspielerin tätig war, ehe sie über erste Theaterstücke zum literarischen Schreiben kam, so entwirft sie in „Miroloi“ eine Gesellschaftsparabel, die sie gleichsam noch hinter Sibirien ansiedelt – zwar in südlichen Gefilden, aber an keinem erkennbaren realen Ort mehr – und mit der sie Fragen aufwirft, die Konstellationen und Voraussetzungen menschlichen Zusammenseins grundsätzlich verhandeln.

          Nicht umsonst stammt das Motto zum Roman von Hannah Arendt: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen.“ Wie weit Menschen also bereit sind, sich Gesetzen zu unterwerfen, auch wenn sie diese als falsch erachten, wann der Moment erreicht ist, in Opposition zur eigenen Umgebung zu treten, und wie hoch der Preis dafür dann ist, davon handelt dieser Roman.

          Schutzlos nach dem Tod ihres Ziehvaters

          Die Ich-Erzählerin ist ein Findelkind. Inzwischen zur jungen Frau herangewachsen, wird ihr dennoch ein eigener Name verwehrt, da sie durch die nebulöse Herkunft nicht akzeptiert wird in ihrer Welt. Ihre Welt, das ist eine Dorfgemeinschaft auf einer entlegenen Insel, die nach eigenen Regeln und Gesetzen lebt. Es ist eine archaisch-patriarchale Gesellschaft. Dennoch wird hier nicht aus einer dunklen Vergangenheit heraus erzählt, sondern aus der Gegenwart, denn Gegenstände des Alltags wie Fernseher und Waschmaschinen sind durchaus bekannt, wenn auch verboten.

          Sie stammen wie alles Übel von der „Drübenwelt“ jenseits des großen Meeres, woher nur gelegentlich ein Versorgungsschiff die Insulaner erreicht. Auf der Insel selbst gibt es keinen Strom, Frauen dürfen nicht lesen und schreiben lernen, und das Verlassen des Dorfs steht wie vieles unter Höchststrafe. Als die Ich-Erzählerin nach dem Tod ihres Ziehvaters schutzlos den Gesetzen des Dorfes ausgeliefert ist, kommt es zur erwartbaren Katastrophe.

          In seiner Anlage erinnert „Miroloi“ mitunter an den letzten Roman von Boualem Sansal. Der algerische Schriftsteller hatte in „2084“ die Vision einer religiösen Diktatur entworfen, in der eine Herrscherkaste ebenfalls mit unerbittlicher Härte über die Bürger wachte. Bei Sansal gibt es keine Zwischentöne und keine Transformation, das Böse ist allgegenwärtig. Die Männer sind träge, die Frauen müssen schuften, immerzu wird gebetet, und Musik und Literatur sind ebenso verboten wie in Köhlers böser Welt.

          Das Wort „Miroloi“ entstammt der griechisch-orthodoxen Tradition und bezeichnet ein von Frauen gesungenes Klagelied. Immer dann, wenn die Genderaufteilung in diesem Roman über Kreuz läuft, Frauen zu Verräterinnen werden, und sei es aus Furcht, während anderseits von Männerseite unerwarteter Zuspruch kommt, wird es überraschend und unvorhersehbar. Doch es bleibt das Dilemma solcher Erzählungen, dass Einseitigkeit und eine gewisse Redundanz zur Verdeutlichung mitunter auf Kosten der literarischen Ambivalenz geht. Erst dadurch, dass die Erzählerin von den anderen nicht als Individuum anerkannt wird, hat sie ja die Kraft, sich in dieser totalitären Gesellschaft den Gedanken an Freiheit überhaupt zu erlauben. Ob ihr dies auch möglich gewesen wäre ohne die aufgezwungene Entfremdung, das ist das reizvolle Gedankenspiel, das hier unbeantwortet bleibt.

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