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Karen Duve: Taxi : Einmal falsch abgebogen und nie wieder umgekehrt

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Die Jugend, beste Zeit des Lebens: Man ist jung, sorglos und die ganze Welt steht einem offen. Doch gerade dieser Zustand macht den Protagonistinnen in Karen Duves Romanen zu schaffen. Wieder beschreibt sie pointiert die Geschichte einer jungen Frau mit ausgeprägter Ich-Schwäche.

          Jugendliche Helden, die am Leben leiden, muten immer besonders tragisch an. Singt doch fast jeder Schlager davon, dass Glück samt seinen Sahnehäubchen „Liebe“ und „Erfolg“ ein Privileg der Jugend ist. Weswegen es umso bitterer erscheint, dass ausgerechnet die „beste Zeit des Lebens“ für viele Heranwachsende nicht zuletzt aufgrund des äußeren Erwartungsdrucks zum Martyrium wird. Denn mit dem Jungsein allein ist es ja noch nicht getan. Man muss sich auch angemessen „jung“ verhalten. Und das meint in westlich-kapitalistischen Gesellschaften vor allem: irre viel Spaß am Leben haben. Doch genau damit tun sich Karen Duves heranwachsende Heldinnen in der Regel denkbar schwer.

          So bilanzierte schon die namenlose Ich-Erzählerin aus der 1999 erschienenen Kurzgeschichte „Keine Ahnung“, nachdem sie gerade ihr Abitur bestanden hatte: „Mir war das Sein schon zu viel, ich wollte nicht auch noch etwas werden.“ Ein defätistischer Glaubenssatz, den nicht nur die Bulimie-Kranke Martina aus dem „Regenroman“ ebenfalls sofort unterschrieben hätte, sondern auch die essgestörte Altersgenossin Anne Strehlau aus dem Nachfolger „Dies ist kein Liebeslied“ von 2002, deren Überforderung mit dem „anstrengenden“ Jungsein schließlich in 117 Kilogramm Übergewicht mündete.

          Die hübsche Abiturientin Alexandra Herwig aus dem neuen Duve-Roman „Taxi“ passt nun in dasselbe Heldinnen-Schema einer jungen Frau mit ausgeprägter Ich-Schwäche. Denn wenngleich Alexandra, die sich Alex nennt, mit ihrem Aussehen eigentlich ganz zufrieden ist, lastet doch auch auf ihr die Bürde des Chancenvorteils „Jugend“. Weswegen sie (wie schon ihre Vorgängerinnen) wichtige Entscheidungen gern anderen überlässt, vornehmlich Männern.

          Karen Duve

          Dieser Hang zur Selbstentmachtung zeigt sich schon auf der ersten Seite des Romans, wo erzählt wird, dass Alex ihren Eltern zuliebe eine Ausbildung bei einer Versicherung beginnt, sie aber vorzeitig abbricht, um danach zu Fuß von ihrem Wohnort Hamburg aus Richtung München zu laufen. Alex hofft verzweifelt, „dass sich unterwegs irgendetwas ergeben könnte“. Doch natürlich ergibt sich nichts. Stattdessen macht der Bruder seiner verunsicherten Schwester nach deren Rückkehr nur noch mehr Zukunftspanik: „Ich hoffe, du weißt, was du zu tun hast, wenn du in der Gosse gelandet bist.“ Eine Drohung, die ihr den letzten Mut raubt. Alex traut sich endgültig nichts mehr zu, kein Studium, keine gehobene Ausbildung, sondern bewirbt sich kurzerhand als Taxifahrerin. Oder, wie sie in gewohnt unsentimental-lakonischer Duve-Manier begründet: „Drückerkolonne ging nicht, weil ich ja überhaupt kein Durchsetzungsvermögen hatte.“

          Wie „ein einziger Orank Utan...im Schimpansengehege“

          Ähnlich wie schon Anne aus „Dies ist kein Liebeslied“, die in einer Hundeleinenfabrik arbeitete, hegt auch Alex eine selbsthasserische Lust an der Kränkung und strebt von vornherein einen niederen Status an. Denn von dort kann man zumindest nicht mehr so tief fallen und weckt keine Erwartungen, die viel unberechenbarer wären als das eigene Scheitern. Was für andere nur ein Übergangsjob ist, wird für Alex deswegen zum Schicksalsschlag, dem sie fatalistisch glaubt ausgeliefert zu sein. „Ich hatte es verratzt“, redet sich die junge Taxifahrerin ein, „einmal falsch abgebogen, einmal den falschen Beruf gewählt, einmal den falschen Mann geküsst und dein ganzes Leben war verkorkst.“ Alex fühlt sich ohnmächtig einem undurchsichtigen und unentrinnbaren Gang der Dinge unterworfen, beruflich wie privat. Dass sie ihren Kollegen Dietrich gar nicht besonders mag, verhindert weder den ersten Kuss, der „höflicherweise“ erfolgt, noch fünf gemeinsame Jahre. Auch vom nervigen Taxifahrerkreis aus Möchtegern-Intellektuellen und Hobbykünstlern lässt sich die einzige Frau in der Firma in Beschlag nehmen, die schon bald nur noch „Zwodoppelvier“ heißt. (Wie alle Taxifahrer wird Alex nach der Nummer ihres Dienstwagens genannt.)

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