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Roman von Kai Wieland : Mann, hat man als Mann männlich zu sein!

Statisten beim Dreh zu Christopher Nolans Film „Dunkirk“. Bild: Picture-Alliance

Jedem Kerl sei seine „Fight Club“-Peinlichkeit gegönnt, auch den beiden nur mittelgut kickboxenden Protagonisten in Kai Wielands Roman „Zeit der Wildschweine“.

          4 Min.

          Mit dem Begriff der „toxischen Männlichkeit“ bezeichnet man gesellschaftlich geprägte Vorstellungen vom Mannsein, die seine Rolle stark limitieren und von den als unterlegen angenommenen Frauen abgrenzen sollen. Stark sind sie, die richtigen Männer, abenteuerlustig, sie befinden sich in einem ewigen Wettkampf miteinander, und über Gefühle sollen sie bitte auch nicht reden, weshalb sie sich gern ein wenig wortkarg geben. Wenn sie sich schon unbedingt mit Kunst und Kultur befassen müssen, dann wenigstens mit den breitbeinig daherstapfenden Heroen. Wenn sie schreiben, dann wie Hemingway, wenn sie fotografieren, dann wie Robert Capa an der Front, und idealerweise legen sie sich ein männliches Hobby zu, Kickboxen zum Beispiel.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          Im Ring einer Sportschule begegnen wir denn auch den kickboxenden Protagonisten von Kai Wielands Roman „Zeit der Wildschweine“. Genauer gesagt begegnet dort Leon, ein Autor von Reiseführern und Reportagen, dem Fotografen Janko, und beide stellen sich nur mittelgut in dieser Disziplin an. Dafür haben sie beide dieselben Filme gesehen und identifizieren sich nach Kräften. Janko hält sich für Tyler Durden aus „Fight Club“, gespielt von Brad Pitt in jener Männlichkeitsoper von 1999, die so ungefähr jeder Mann irgendwann einmal ganz unentbehrlich fand, was ihm jetzt hoffentlich reichlich peinlich ist. Außerdem stammt Janko aus Osteuropa, ist drahtig und tätowiert, hat eine Vergangenheit, nennt Leon „Bruder“ und sagt bedeutungstiefe Sätze wie „Glaub mir, Bruder, ich kann Dinge so fotografieren, dass mehr dabei herauskommt als die Summe ihrer Teile.“

          Schon wieder Frankreich, wie öde

          Leon hadert derweil mit seiner schwäbischen Dorfherkunft und seiner Familie, die er provinziell und langweilig findet – Schwester Jana findet Erfüllung im Familienleben und ist seitdem besonders langweilig –, und nimmt bereitwillig Aufträge eines Reisebuchverlags an, obwohl er diese Aufträge meistens auch provinziell und langweilig findet. Nein, mit besonders sympathischen Figuren hat man es nicht zu tun, man möchte sie eigentlich dauernd abwatschen wegen ihrer großsprecherischen Bedeutungshuberei. Leon wächst einem auch dann nicht sonderlich ans Herz, als er seine Großstadtwohnung gegen das Haus des Vaters tauscht, weil dem das inzwischen zu groß geworden ist. Nebenan lebt als Nachbar Herbert Seibold, ein Mann der eher naturverwachsenen Sorte, genauso wortkarg wie alle diese Kerle und wie alle mit einem Hang zur bedeutungsvollen Geste. Er blickt mit einiger Skepsis auf den Immobilien-Tauschhandel.

          Schriftsteller Kai Wieland
          Schriftsteller Kai Wieland : Bild: Picture-Alliance

          Dass der Reisejournalist Leon sich dann auf eine Reise begibt, ist erst einmal nichts Besonderes, es ist ja sein Beruf. Schon wieder Frankreich, wie öde, aber diesmal nach Norden, in die Nähe von Dünkirchen und Calais, sogenannte „Lost Places“ suchen, vor allem ein aufgelassenes Dorf in einem Kohlerevier namens Nortzeele. Leon ist seltsamerweise auch von diesem komplett unrealistischen Traumauftrag angeödet. Begleiten soll ihn als Fotograf Janko, der Experte fürs Abgründige. „Bruder“, sagt Janko, „es gibt dort vieles, aber keine Abgründe.“ Janko ist nämlich auch schon gelangweilt, bevor er überhaupt dort war.

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