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Kafkas Sätze (65) : Der Einzelne ohne Mandat

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Ein Mandat zu vertreten ist immer mit politischer Legitimation verbunden. Kafka will sich nur seinem eigenen Recht verpflichten und trifft damit, so Otto Karl Werckmeister, genau ins Schwarze der gegenwärtigen politischen Kultur.

          „Ich kann meiner Natur nach nur ein Mandat übernehmen, das niemand mir gegeben hat. In diesem Widerspruch, immer nur in einem Widerspruch kann ich leben.“

          „Es ist ein Mandat“ lautet, unterstrichen, der Titel des Fragments vom Herbst 1920, das mit diesem Satz beginnt. Walter Benjamin und André Breton hätten sich darauf berufen können, wenn sie von links her schrieben, ohne einer Partei verpflichtet zu sein. Hannah Arendt fällte ihre kategorischen politischen Urteile ausdrücklich unter der Voraussetzung, nur für sich zu sprechen. Hierin sind alle drei meine Vorbilder.

          Kafka schreibt allerdings nicht „schreiben“, sondern „leben“. „Mandat“ war der Schlüsselbegriff für die politische Legitimation der Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt, in der er tätig war. Die gewählten Vertreter von Unternehmern und Arbeitern in deren Vorstand hatten „Mandate“ für Entscheidungen, an die er sich halten musste. Dabei hatte Kafka sich die Überzeugung gebildet, dass die korporativ ausgewogene Legitimation der Anstalt den Arbeitern nicht zu ihrem Recht verhalf. Er seinerseits hatte kein Mandat der Arbeiterschaft, weder als Jurist noch als politischer Vertreter. In diesem Widerspruch lebte er.

          Ein Szenario für den existentiellen Widerspruch

          Ende 1917 konnten sich die tschechischen und deutschen Vertreter im Vorstand nicht auf eine kriegsbedingte Verlängerung ihrer abgelaufenen Mandate ohne Neuwahlen einigen. Seitdem stand die Legitimation des Vorstands in Frage. Zum selben Zeitpunkt begann Kafka kurze literarische Texten über Arbeitskämpfe, ja Revolutionen zu schreiben. „Es ist ein Mandat“ ist einer der letzten dieser Texte. Kafka veröffentlichte keinen davon.

          „Es ist ein Mandat“ schließt mit einer schlechten Aussicht. Kafka vergleicht sich als Mandatsträger eigenen Rechts mit jemandem, der an der Außenwand eines Zirkuszelts steht und sich durch ein kleines Loch in der Plane Einblick in die Vorstellung zu verschaffen sucht. Doch die Rücken der Zuschauer auf ihren Bänken versperren ihm die Sicht. Nur die Musik und das Brüllen der Tiere kann er hören. „Ohnmächtig vor Schrecken“, wird er von einem Polizisten davon gewiesen.

          Kafka hat ein solches Szenario wohl nur für den existentiellen Widerspruch zwischen seiner gesellschaftlichen Berufserfahrung und seiner moralischen Willensbildung entworfen. Heute kann man damit eine politische Kultur charakterisieren, die von Mandatsträgern nur so wimmelt. Ebendeshalb entzieht sie die geschichtlichen Abläufe dem Einblick, der Einsicht und der Einwirkung der Einzelnen ohne Mandat. Manche schreiben in einer Haltung dagegen an, die im Englischen self-entitlement genannt wird und für die es kein deutsches Wort gibt. Ich halte mich lieber an Kafkas Widerspruch.

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