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Justizgeschichten : Aller Abgrund ist schwarz

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Wieviel Schirach steckt im literarischen „Ich”?
          6 Min.

          „Was will der jetzt noch schreiben, nach so einem Buch?“ Diese Frage stellte vor ziemlich genau einem Jahr am Rande einer Lesung ein Verleger auf den Stufen des Münchner Literaturhauses. Er blies den Rauch seiner Zigarette in den nächtlichen Sommerhimmel und sah in die unter ihm versammelten Gesichter einiger Autoren und Kritiker, die sachverständig nickten. Man war sich einig: Ferdinand von Schirach war mit seinem Erstling „Verbrechen“ ein enormer Coup gelungen. Der außergewöhnliche Erfolg bei Medien, Kritik und Publikum hatte etwas geradezu Beunruhigendes. Erzählbände von Debütanten gehören normalerweise nicht zu den verkaufsträchtigen Titeln, doch dieser hier war gerade dabei, alle Rekorde zu brechen: seit Wochen auf der Bestsellerliste, Lizenzen in fünfundzwanzig Länder vergeben, Filmrechte verkauft.

          Woran lag das? Wenn eine junge schöne Frau über ihr atemberaubendes Sexleben schreibt, wird sich niemand über glänzende Verkäufe wundern. Schreibt ein Rechtsanwalt in seinen Vierzigern über seinen Beruf, klingt das weit weniger prickelnd. Aus den Mündern von Juristen, Ärzten, Architekten und Angehörigen anderer sehr ehrenwerter Berufsgruppen hört sich der Satz „Irgendwann schreib' ich auch noch mal ein Buch“ für gewöhnlich wie eine Drohung an. Weitschweifiges, Selbstverliebtes, Abgedroschenes steht zu befürchten. Diese Gefahren, da stimmten selbst Neider zu, hatte Schirach glanzvoll vermieden. Er hatte elf sehr respektable Storys verfasst. Doch das konnte nicht der einzige Grund sein. Bald einigte man sich auf Folgendes: Schon die Wortkombination „von Schirach“ (Geschichte!) und „Verbrechen“ (geht immer!) war sensationell genug, um jeden Journalisten der Republik in Bewegung zu versetzen. Die Wucht dieser Überraschung aber war nun verbraucht. Vermutlich also würde es bei einem One-Hit-Wonder bleiben. Dennoch, die Frage des eingangs zitierten Verlegers klang auch ein bisschen bang, so als wolle er sagen: „Der wird doch nicht noch mal . . .?“

          Nun ist sie beantwortet. Anfang August erscheint „Schuld“, Ferdinand von Schirachs zweite Sammlung von Storys. Fünfzehn Geschichten, alle überschrieben mit knappen, schlagkräftigen Titeln. Und? Wie sind sie? Ähnlich wie die in „Verbrechen“. Nur besser. Schirach geht jetzt freier mit der so einfachen wie wirkungsvollen Form um, die er in seinem Erstling gefunden hat. Sie erinnert in manchem an juristische Urteile. Zuerst kommt die Fallerzählung, dann die rechtliche Würdigung. An der Schnittstelle dieser beiden Teile tritt Schirachs schillerndste Figur auf, jenes „Ich“ des Strafverteidigers, das für gewöhnlich ohne Namen bleibt. Es ist nicht zu leugnen, ständig stellt man sich als Leser die Frage, wie viel vom „echten“ Ferdinand von Schirach in diesem Ich steckt. Da er auch eine öffentliche Figur ist, bietet er genug Projektionsfläche.

          Tritt er zum Beispiel bei einer Preisverleihung auf, erscheint er leicht underdressed, begrüßt Damen mit Handkuss und verteilt auf zurückhaltende Art Komplimente. Eine irgendwie abgründige Liebenswürdigkeit umgibt ihn. Bei der Entgegennahme des Preises erzählt er jene Anekdote, nach der Flaubert bei einer Abendgesellschaft als Schriftsteller in der Runde gebeten wurde, eine Grußkarte an einen kranken, abwesenden Freund zu verfassen. Flaubert zog sich in ein Nebenzimmer zurück und blieb dort über eine Stunde, bis er schließlich erschöpft das Ergebnis präsentieren konnte. Auf die Karte hatte er „Gute Besserung“ geschrieben.

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