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Jungautorin Marisha Pessl : Das alltägliche Unglück der Perfektion

  • -Aktualisiert am

Marisha Pessl Bild: AP

Die „New York Times“ wählte ihr Buch unter die zehn besten des letzten Jahres, man verglich sie mit Nabokov: Marisha Pessl, eine Jungautorin ohne menschlichen Makel. Beinahe jedenfalls.

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          Sie selbst würde sich vielleicht so beschreiben: Zierlich, Engelsgesicht, Korkenzieherlocken, die Sorte Mädchen, die man in der Schule schon nicht verstanden hat, weil alles an ihnen perfekt schien und ihr Tag mehr Stunden zu haben schien als deiner (Zeit für Jazzchor, Theatergruppe, Umwelt-AG, Schülerzeitung und Voltigieren. Und mittwochs nach dem Spanischkurs an der Volkshochschule noch zwei Stunden Salsa für Fortgeschrittene) (siehe „The Art of Mastering Time and the Multiple Values of Being Ahead“, Robert Dechen, Science and Beyond, Stanford Quarterly, 1978/II). Vielleicht würde sie sich auch ganz anders beschreiben. Vielleicht ist sie auch ganz anders - es war nicht viel herauszubekommen über Marisha Pessl an diesem Nachmittag Ende Januar, an dem sie in ihrem Loft in Tribeca zum Interview empfing.

          Vielleicht erst mal die Fakten. Marisha Pessl ist 1977 geboren und hat letzten Sommer in Amerika ihr erstes Buch veröffentlicht, da war sie also noch unter dreißig. Es ist ein dickes Buch, fast 600 Seiten, ein Roman, der von einem ungewöhnlichen Vater-Tochter-Paar handelt. Die „New York Times“ wählte es unter die zehn besten Bücher des Jahres 2006; unter den Schriftstellern, mit denen Marisha Pessl in den Rezensionen verglichen wurde, sind, unter anderen, Dave Eggers, Donna Tart, Vladimir Nabokov.

          Der Vater als engster Vertrauter

          „Die alltägliche Physik des Unglücks“ ist aus Sicht einer verschrobenen 16-Jährigen namens Blue erzählt, die seit dem Unfalltod ihrer Mutter mit ihrem Vater, einem Professor, rastlos durch Amerika reist. Sie sind immer nur ein Unisemester lang an einem Ort, dann packen sie ihre Sachen und ziehen weiter. So ist ihr Vater, Gareth van Meer, ihr engster Vertrauter, ja, eigentlich überhaupt der einzige Mensch, zu dem sie eine Verbindung hat. Es ist eine exklusive Beziehung, die den Rest der Welt ausschließt und die Lücke, die der Tod der Mutter gerissen hat, mit Wissen füllt. Blue liest viel, am liebsten dicke Nachschlagewerke, und sie und ihr Vater vertreiben sich die Zeit, indem sie sich gegenseitig mit Zitaten zu übertrumpfen versuchen. Eine Art „Wer wird Millionär“ auf Rädern, nicht immer gewinnt der Vater.

          Eigentlich wollte sie Schauspielerin werden

          Pessl zeichnet ihn als Mann, dem die Frauenwelt zu Füßen liegt - ein brillanter Denker mit sprühendem Witz und Temperament, gutaussehend, verwitwet und auch noch bindungsscheu. Wo immer er sich für ein Gastsemester niederlässt, bleibt mindestens eine Frau mit gebrochenem Herzen zurück. So geht das eine Weile bis auf Seite 84 Hannah Schneider ins Spiel kommt, eine schöne, alleinstehende Lehrerin, die Blue unterrichtet. Und dann geschehen einige Dinge, die einen erst an einen typischen Highschool-Film denken lassen (uncoole Außenseiterin trifft auf coole Clique) und sich dann zu einem Kriminalfall verdichten, an dessen Ausgangspunkt Hannah Schneider tot an einem Kabel baumelt, was an dieser Stelle verraten werden darf, weil es im Buch schon auf Seite eins angekündigt wird.

          Pro Seite drei literarische Querverweise

          Pessl erzählt die Geschichte mit der Stimme von Blue, manchmal beinahe mündlich im Tonfall, als würde ein Mädchen ihrer besten Freundin eine Kassette besprechen - mit sarkastischen Randbemerkungen, popkulturellen Bezügen und Wörtern, die kursiv gedruckt sind und die gedehnte Betonung gleich mitliefern. Und weil Blue so schrecklich belesen ist, ist es natürlich auch die Erzählstimme des Buchs: keine Seite, auf der nicht mindestens drei literarische Querverweise wären, vollständig versehen mit Verfasser, Erscheinungsjahr, Seitenangabe.

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