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: Jung und durchgeknallt für immer

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          5 Min.

          Mark Z. Danielewski gilt in seiner amerikanischen Heimat als eine Art Über-Schriftsteller, genial und zugleich bedrohlich wie einst die Autorenberserker Ezra Pound, Allen Ginsberg oder William S. Burroughs. Sein neuer Roman "Only Revolutions" ist Kunstobjekt, Teenager-Hymne und Rätselspiel in einem - und eine Hymne auf die Liebe.

          Von Dietmar Dath Hast du dich verlaufen, kleine Limonade?" Der Roman redet zugleich frech und freundlich mit uns. Dieser Text, merken wir bald, weiß viel, was wir nicht wissen; aber darauf kommt es dem Verfasser gar nicht an. Denn seine Heldin und sein Held wissen wie die begriffsstutzigsten Leser zunächst selbst fast nichts, als ihre Reise mit einer auf beiden Seiten eher ungeschickten Begegnung beginnt. Der hochfahrende Sam, der mit Tieren spricht wie mit Geschwistern, reitet auf breitem Pferderücken ins Geschehen; die ungestüme Hailey, die alles, was in der Wildnis wächst, mit Namen kennt, spottet über sein geckenhaftes Gehabe und schnappt ihn sich, während er noch glaubt, er verführe sie. Sams Augen sind grün, in der Iris blitzen goldene Splitter; Haileys Augen sind golden, mit grünen Funken darin.

          Ein besseres Leben, wenigstens eine Ortsveränderung: Die zwei sind sich schnell einig darüber, was sie wollen, und brechen auf - zu Fuß, später im Ford Model T, dann im Mustang und im Porsche. Die Reisenden lassen einander, Tod und Teufel trotzend, nicht mehr aus den Augen, bleiben für immer sechzehn, ewig unverschämt und ihrem permanenten Aufbruchsgeist treu. Sams und Haileys gefahrvolle Bahn führt quer durch die Vereinigten Staaten, die ihr gemeinsam wahr gemachter Traum mehr als einen Seelenzustand denn als ein politisches Hoheitsgebiet auffasst; schräg durch die Zeit, schief durch den Raum und geringelt durch die Schrift - dass die Verliebten dabei jung bleiben, wild entschlossen zu spontanem Wahnsinn, schlauen Abkürzungen und freimütiger Selbstvergeudung, bleibt der voraussetzungslos gesetzte, geradezu naive Dreh- und Angelpunkt eines Buches, das andererseits voraussetzungsreicher, durchkonstruierter und antinaiver nicht sein könnte.

          Die fremdsprachigen, zumal englischen Titel vergrößern ihren Anteil am deutschen Buchmarkt jährlich. Mit "Only Revolutions" aber gibt es einen Roman zu entdecken, der noch den kosmopolitischsten Geschmack verwöhnt. Man kann das Werk von zwei Seiten her lesen, von ihrer und seiner - und das ist nicht bildlich, sondern buchstäblich zu verstehen, denn das Buch lässt sich umdrehen: Haileys Version steht, wenn man mit Sams Version beginnt, auf dem Kopf. Der Verlag empfiehlt, das Werk in abwechselnden Portionen von je acht Seiten zu verschlingen.

          Langweilig wird einem dabei garantiert nie, geht es doch, wie Sam sagt, um Liebe, das zweitunglücklichste Ziel, das Menschen zu erreichen versuchen können - das unglücklichste, findet er, sei Freiheit, aber in Haileys Spiegelvariante tauschen diese beiden ihre Plätze in demselben Argument. Am Anfang der Textstränge spielt der Autor noch mit Umkrempel- und "Rashomon"-Effekten; dasselbe Ereignis, derselbe Gedanke ist gegenüber der jeweils anderen Fassung mitunter nicht wiederzuerkennen; aber während sich das Epos zu seiner Mitte hinarbeitet, dem Punkt, an dem die beiden Erlebniskurven sich berühren, wird aus dem Komplementären das Kanonartige und schließlich die eine Stimme, deren Klang sich im Leserkopf sowieso schon immer deutlicher selbst zusammengemischt hat - als man sie endlich klar vernimmt, klingt sie längst vertraut, diese "union rocking up".

          Der Romancier Mark Z. Danielewski hat bisher zwei Bücher geschrieben. Sein Erstling "House of Leaves" handelt vom möglicherweise verrückten Sohn einer definitiv wahnsinnigen Mutter, der das von einem verschwundenen Blinden geschriebene Manuskript einer Abhandlung findet und kommentiert, die einen Dokumentarfilm untersucht, welcher von einem Haus handelt, das innen größer ist als außen und in dem möglicherweise menschenfressende Monster nisten. "House of Leaves" erschien im Jahr 2000, hat in Amerika, den Niederlanden und Frankreich Kritikerbefremden und unter Lesern kultische Verehrung ausgelöst und wird in diesem Jahr bei Klett-Cotta unter dem Titel "Das Haus" auf Deutsch erscheinen. Das Buch bietet außer einer Handlung voll ineinandergreifender Zahnräder und unsichtbarer Klammern einen beispiellosen overkill typographischer Besonderheiten, von winzigen Fußnoten bis zu Textkästen in Spiegelschrift.

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