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Julian Barnes: Nichts, was man fürchten müsste : Die Geschichte des Todes in zehneinhalb Kapiteln

Bild: Kiepenheuer & Witsch

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Und wenn, wird man sich dort Geld wechseln lassen können? Der englische Schriftsteller Julian Barnes hat mit leichter Hand ein Buch über das schwerste Thema überhaupt geschrieben.

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          Dies ist ein Buch zum Sätzeanstreichen. Und genauso wird Julian Barnes seine Arbeit daran wohl auch begonnen haben: mit Sätzen, die er in anderen Büchern angestrichen hat. Bei Montaigne, Koestler oder Larkin. In Biographien über Rachmaninow, Stendhal und Strawinsky. Die meisten dieser Anstrichsätze handeln vom Tod und wie man am besten mit ihm umgeht. Der französische Schriftsteller Gustave Flaubert zum Beispiel, schon immer der Liebling von Julian Barnes, nahm sich vor: „Man sagt ,So ist es! So ist es!‘, schaut in die schwarze Grube zu seinen Füßen hinab und bleibt dadurch ruhig.“ Ein anderer Franzose, Jules Renard, schrieb an seinem Geburtstag ins Tagebuch: „Vierundvierzig – ein Alter, in dem man die Hoffnung aufgeben muss, seine Jahre zu verdoppeln.“ Zwei Jahre später war er tot. Und Freud meinte: „Der eigene Tod ist ja auch unvorstellbar; und sooft wir den Versuch dazu machen, können wir bemerken, dass wir eigentlich als Zuschauer weiter dabeibleiben.“

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Viele Anstrichsätze handeln aber vom anderen großen Rätsel des Lebens: nicht dem der Liebe, die kommt zwar auch vor, aber nicht so oft. Nein, es ist die Familie, oder besser: seine Familie, mit der sich der englische Autor Julian Barnes in seinem neuen Buch intensiv beschäftigt. „Nichts, was man fürchten müsste“ heißt es, und so richtig gibt es kein Format, in das man es einsortieren könnte: Für einen philosophischen Essay ist es zu lustig, für einen Lebensratgeber zu skeptisch, als Autobiographie zu flüchtig, als Sachbuch zu poetisch. Vielleicht ist es ein Krimi? Weil so viel gestorben wird. Oder ein französischer Spielfilm, es wird ja auch ständig geredet.

          Vordringen zum Kern der Dinge

          Es ist aber, so philosophisch, skeptisch, flüchtig und französisch es auch zugeht, ein Buch von Julian Barnes, wie es alle seine Bücher seit „Metroland“ von 1980 gewesen sind, genau wie „Flauberts Papagei“ und „Darüber reden“ oder „Die Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“ oder „Arthur & George“ von 2007. Bücher von Julian Barnes erkennt man typischerweise daran, dass ihr Kern – die Liebe, ein Verbrechen, jetzt also der Tod und die Familie – unablässig umkreist wird, umstellt wird von tausend Ansichten, Wahrheiten und Erinnerungen, die miteinander konkurrieren und nur in dieser Konkurrenz eine vage Ahnung davon geben, wer es gewesen ist, was die Liebe sein könnte, wie es wäre, zu sterben.

          Man könnte manchmal wahnsinnig werden darüber, auch diesmal wieder, wie sehr Barnes dem endgültigen Satz, der alles entscheidet, misstraut. Und fällt er einmal doch, dieser Satz, dann nimmt ihn Barnes gleich wieder zurück. Das ist große Kunst. Er selbst hat dem widersprochen, es sei keine literarische Methode, so sei nun mal das Leben. Diese Lebensnähe hat viele seiner Romane, die frühen stärker als die späteren, allerdings so mitreißend gemacht. Und deshalb stammen die meisten Anstrichsätze aus diesem Buch, die von der Familie handeln, diesem vitalen und komplizierten Etwas, das unser Leben zusammenhält oder auseinanderreißt, auch vom Autor selbst.

          Gräber besucht er nur im Geist

          Streichen wir also einen Satz an: „Ich habe nie das Grab irgendeines Angehörigen besucht und glaube auch nicht, dass ich das je tun werde“, schreibt Barnes. Die Asche seiner Eltern verwehte über dem Atlantik. „Dafür habe ich die Gräber vieler verschiedener Verwandter im Geiste besucht: Flaubert, Georges Brassens, Ford Madox Ford, Strawinsky, Camus, George Sand, Toulouse-Lautrec, Evelyn Waugh, Degas, Jane Austen, Braque . . .“ Fast jeder der aufgezählten Künstler taucht im Buch auf. Und oft wirkt es, als würde sich Barnes besser in ihrem Innenleben auskennen als in dem seiner Eltern, als seien sie ihm näher, als hätten sie ihn in Wirklichkeit aufgezogen, als seien sie immer viel lieber zu ihm gewesen.

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