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Roman „Die Hochhausspringerin“ : Ausstieg aus allen sozialen Netzwerken

  • -Aktualisiert am

Das Verlangen nach Menschlichkeit

Das vereinsamte, entrechtete Subjekt, das sich einer total kontrollierten Gesellschaft verweigert oder ganz in den Untergrund abtaucht: Man kennt das aus Romanen und Filmen wie „1984“, „The Circle“, „Matrix“ oder „Die Tribute von Panem“. Julia von Lucadou spielt in ihrem Romandebüt die bekannten Muster mit großer Konsequenz, Präzision und Radikalität durch. Ihre Dystopie der neoliberalen Leistungsgesellschaft 4.0 ist nicht ganz frei von Sentimentalität und Klischees, aber Lucadou neigt weder zum Kuschelsex noch zum „Nostalgia Porn“. Nüchtern, kühl, in kurzen, schmucklosen Sätzen erzählt sie, wie mit den Heilsversprechen von mehr Effizienz, Wachstum und personalisiertem Glück alles verdrängt, gedämpft, zerstört wird, was Leben ausmacht: Spontaneität, Schmerz, Dreck, Emotion, Poesie.

Aus phantasielosem Abnicken und geräuschlos erzwungener Anpassung bricht irgendwann wieder die Sehnsucht nach dem anderen hervor: Innehalten statt globaler Beschleunigung, direkte Begegnung statt Gesichtserkennung und Online-Chat, Sprachfehler und Dichtung statt „genderneutrale“ Computerstimmen, absichtslos schenken statt immer mehr kaufen. Es gibt viel mehr als „Glamour und Credits und Fame“. Der Hacker Zeus Schmidt rät Hitomi: „Lassen Sie das Chaos zu.“ Aber ihr Leben ist schon von zu vielen Viren, Malware und falschen Erinnerungsdaten infiziert, als dass sie sich noch einmal updaten oder ausloggen könnte.

Die Story tritt manchmal auf der Stelle, die Figuren bleiben ein wenig hohl, die Atmosphäre ist programmatisch steril. Das steckt, wie der exzessiv gebrauchte Marketing- und Motivationssprech, in der Natur der Sache. Man fordert bei Call-a-Coach die Implementierung von rigiden Mindfulness-Programmen und „Inspirational Pictures“, Kündigungen firmieren als Reassignment-Maßnahme, Life-Changing-Moment oder Exit Package, und selbst Kalenderweisheiten wie „Everything’s gonna be okay TM“ tragen das Trademark-Zeichen. Die eigentliche Hauptfigur des Romans ist nicht die „sakrale Superheldin“ Riva, sondern Hitomi, ihre mausgraue Beobachterin, die selbst in einem kafkaesken Netzwerk aus Beobachtung und wohlmeinender Supervision gefangen ist.

Dieser Kunstgriff gibt der Beobachterin Julia von Lucadou Gelegenheit, Widersprüche zur Sprache zu bringen, von denen sich die binäre Logik der Roboter und Rechner nichts träumen lässt. Hitomis Chef verteilt ungerührt Kopfnoten und Exit Packages, aber er ist auch mindestens so aufmerksam und echt wie die Mutteroption von Hitomis „Parentbot“, die auf Knopfdruck Mamas Trostworte und Wiegenlieder summt. Zardoo, der Junge von Familiy Services, der mit seinen Blogs aus dem Leben einer authentischen Biofamilie Hitomi zu Tränen rührt und Riva wieder zum Springen „reanimiert“, ist vielleicht gar kein romantisch-analoger Rebell, sondern ein zynischer Guru. Hitomi ist die überangepasste Sklavin des Systems, aber auch: Schutzengel, bedauernswerte Low-Performerin, reuige Verräterin. Julia von Lucadou lässt in ihrem bemerkenswertem Erstling offen, wer Täter oder Opfer, Sieger oder Verlierer, was noch schwereloser Flug und was schon Absturz ist. Am Ende steht jedenfalls ein Exit Package, das Hitomi nicht nur aus ihrer kleinen Welt der Bonuspunkte, Pixelschatten und Mindful-Übungen hinauskatapultiert.

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