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Julia Franck: Rücken an Rücken : Hänsel und Gretel in der DDR

  • -Aktualisiert am

Bild: S. Fischer Verlag

Nach der Geschichte des Vaters wendet sich Julia Franck nun der Familie ihrer Mutter zu. Der neue Roman „Rücken an Rücken“ ist ein tragisches Märchen.

          Es wird viel gelitten in diesem Roman, körperlich wie seelisch. Hunger, Durst und Kälte treten so häufig auf, dass sie irgendwann fast alltäglich scheinen. Und oft ist das Leid ein buchstäblich nacktes: Haut brennt, trocknet aus, wirft eitrige Blasen oder wird gekratzt, bis Blut kommt. Körper sind nichts als Material, wie es sich schließlich auch die Bildhauerin Käthe erst grob zurechtstutzt, bevor sie es in eine Form bringen kann. Da hilft kein Jammern und Klagen.

          Käthe, der nur ein Buchstabe fehlt zu jener Kälte, die sie verbreitet, ist in den späten fünfziger Jahren der DDR, da der Roman einsetzt, eine anerkannte Künstlerin. Außerdem ist sie Mutter von Ella und Thomas – auch wenn sie alles tut, sich das nicht anmerken zu lassen.

          Eine Rabenmutter wie in der „Mittagsfrau“

          „Rücken an Rücken“, der fünfte Roman von Julia Franck und ihr erster seit der buchpreisprämierten „Mittagsfrau“ vor vier Jahren, erzählt vom unbehüteten Aufwachsen der Geschwister im Ostberliner Haus der Mutter zu einer Zeit der deutlichen politischen Verfinsterung. Ellas und Thomas’ Pflicht zur Eigenständigkeit, begleitet von ihren Wunsch nach bedingungsloser Zugehörigkeit, mündet in eine mit radikaler Konsequenz ausgetragene Auseinandersetzung über das, was für jeden von ihnen Freiheit verheißt.

          Wie „Die Mittagsfrau“ beginnt auch „Rücken an Rücken“ mit der Schilderung einer sich verweigernden Mutter. Zwei Wochen lang war Käthe verreist und hat ihre Kinder, zehn und elf Jahre alt, sich selbst überlassen. Thomas und Ella haben alles getan, um der Mutter zu ihrer Rückkehr eine Überraschung zu bereiten. Doch Käthe hat kein Auge für die blitzblanke Küche, den gedeckten Tisch und die Linsensuppe, die über einem Telefonat, das ihr wichtiger war als die Begrüßung, kalt geworden ist. Als die Kinder aus Enttäuschung und Trotz noch am selben Tage beschließen, wegzulaufen, fällt ihre Abwesenheit der Mutter nicht einmal auf.

          Missbrauch im Namen der Staatsdoktrin

          Die Episode ist der erste einer Reihe von Schocks. Wie Hänsel und Gretel, die in der Urfassung ja keineswegs von einer bösen Stief-, sondern von ihrer eigenen Mutter zum Verhungern in den Wald geschickt werden, ziehen Ella und Thomas sich fortan immer mehr zurück in eine eigene Welt, wo sie einander mit Geschichten zu trösten versuchen, zu denen sie eine lautmalerische Zaubersprache entwickeln. Und so wie Märchen mitunter schlimme Begebenheiten erzählen, die kein gutes Ende finden, scheut auch Julia Franck in ihrem Roman nicht vor Drastik zurück.

          Der Titel wird früh erklärt: die Geschwister sitzen am liebsten Rücken an Rücken und malen sich Geschichten über ihren Vater aus, der starb, als sie noch ganz klein waren. Rasch wird deutlich: Wer Rücken an Rücken sitzt, kann sich zwar stützen, schaut dabei aber in entgegengesetzte Richtungen.
          Leider ist dies nicht die einzige schlichte Metapher dieses Romans, der eine fatale Missbrauchskette schildert. Käthe, die ihre Kinder niemals umarmt, aber den Hund exzessiv verwöhnt, hat als Kind den bewunderten Vater nur schroff und abweisend erlebt. Der Mann, den sie liebte, starb im Krieg. Davon, dass der andere Mann, den sie später heiratet, ihre Tochter sexuell missbraucht, will sie nichts mitbekommen; als der Roman beginnt, ist dieser Eduard bereits ebenso aus dem Haus verschwunden wie die namenlosen Zwillinge, die sie ihm geboren hat. Stattdessen hat Käthe einen Untermieter ins Haus geholt; er ist der nächste, der Ella auflauert und sie vergewaltigt. Nur ihrem Bruder gesteht Ella, was die Männer mit ihr machen – und während sie diesen geradezu inzestuös beflirtet, fühlt Thomas sich aufgrund seines Geschlechts mitschuldig an dem, was ihr angetan wird, so dass er jeglichen Trieb in sich selbst zu unterdrückten sucht. Als er nach dem Abitur in einem Steinbruch beweisen soll, dass er dem Arbeiterstaat gute Dienste erweisen kann, wird er dort bis zum Zusammenbruch gequält und gedemütigt. So vervollständigt der Missbrauch im Namen der menschenverachtenden Staatsdoktrin das Bild.

          Keine blanke Authentizitätsprosa

          Anders als Peter, der in der „Mittagsfrau“ von der überforderten Helene auf dem Bahnsteig ausgesetzt wird, sind Ella und Thomas zu zweit. Bis zur Pubertät ist die Beziehung der Geschwister eine symbiotische. Zunächst scheint die temperamentvolle, um ein Jahr ältere Ella den Ton anzugeben, doch je stärker sie regrediert, sich flüchtet in Krankheit und Spiel, desto mehr tritt der empfindsame, nachdenkliche und analytisch veranlagte Thomas ins Zentrum des Romans.

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