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Juli Zehs neuer Roman : Geruchlos im Hygieneparadies

Juli Zeh Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Diktatur der Vorsorge als Enteignung der Gegenwart: Mit ihrer negativen Utopie „Corpus Delicti“ rührt Juli Zeh an den Nerv unserer zutiefst verängstigten Gesellschaft.

          5 Min.

          Ein Wort, so unendlich menschenfreundlich und vernünftig: Prävention. Wer wollte sich schon dem Gedanken der Vorsorge widersetzen? Es wird Zeit, das totalitäre Potential der Präventionsidee sichtbar zu machen: Vorsorge ist prinzipiell unbegrenzt. Es gibt nichts, was unter dem Vorwand der Vorsorge nicht einklagbar wäre. Im Nu steht man rechtelos im Hemd da, wenn an eine bessere Zukunft appelliert wird, der man sich - so die Präventionsrhetorik eines jedes Krisenregimes - im Ernst ja wohl nicht widersetzen wolle. So aber wird schrittweise eine Enteignung der Gegenwart im Zeichen der Zukunftsvorsorge betrieben. Obwohl immer mehr Lebensbereiche von der Prävention durchherrscht werden, liegt die Kulturkritik dieser Herrschaftsfigur brach. Erst recht gibt es bisher keinen erzählerischen Versuch, hinter dem Vorsorgeanspruch den permanenten Ausnahmezustand sichtbar zu machen.

          Christian Geyer-Hindemith
          (gey), Feuilleton

          Das ist mit dem Buch "Corpus Delicti" nun schlagartig anders geworden, ein Buch, das an den Nerv unserer zutiefst verängstigten Gesellschaft rührt. In grundstürzender Krisenzeit ist es um die Kritik der Prävention, um Kritik überhaupt schlecht bestellt. Man kuscht, hält still, verharrt im Totstellreflex. Krisenzeiten sind Hochzeiten des Opportunismus. Figuren, auf deren Widerständigkeit man früher schlafwandelnd vertrauen konnte, werden über Nacht zu Vorbildern der Willfährigkeit. Wie es im Buch der Journalist Heinrich Kramer ausdrückt, leitender Redakteur des Medienorgans "Gesunder Menschenverstand": "Gibt man dem Freiheitskämpfer Macht und Einfluss innerhalb der verhassten Maschinerie, wird er sogleich still und werkelt fortan in aller Treuherzigkeit vor sich hin. Was lehrt uns das über die Menschen, Frau Holl? Sie tauschen gern ein X gegen ein U, wenn es nur dazu dient, ihre Eigenliebe zu befriedigen."

          Die Präventionsidee als Erzählstoff

          Juli Zeh tritt uns in ihrem neuen Werk als die Moralistin gegenüber, als die wir sie in "Adler und Engel" und "Schilf", aber auch durch manche aktuelle politische Stellungnahmen kennen. Die Juristin im Nebenberuf verfügt über den Scharfsinn und die Belesenheit, um ihre Einsprüche gegen den Zeitgeist so zu verfassen, dass sie nicht verlegen machen, sondern Wucht entfalten. Ungerührt düpiert sie das feintuerische Ressentiment, mit der eine nicht ironische Kulturkritik hierzulande noch stets zu rechnen hat. Juli Zeh gelingt es mühelos, die analytische Darstellung in die literarische Form hineinzuholen - hier, in "Corpus Delicti", geschieht das in der Kunstform der Utopie, die seit je dem Diskursiven gebührend Raum gibt. So gebiert Belletristik analytischen Verstand und umgekehrt: Erzählen und Argumentieren sind eins. Darauf kann man sich bei dieser Autorin verlassen.

          Juli Zeh hat aus der Präventionsidee einen Erzählstoff gemacht, sie schildert eine geruchlos-klare Gesundheitsdiktatur in der Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts. In dieser Diktatur stellen die Chefideologen die rhetorische Frage: "Was sollte vernünftigerweise dagegen sprechen, Gesundheit als Synonym für Normalität zu betrachten? Das Störungsfreie, Fehlerlose, Funktionierende: Nichts anderes taugt zum Ideal." In dieser Diktatur hält man sich zugleich zugute, "keine verstiegenen Ideologien" zu propagieren, sondern nur den blanken Naturalismus, das nackte Leben: "Wir gehorchen allein der Vernunft, indem wir uns auf eine Tatsache berufen, die sich unmittelbar aus der Existenz von biologischem Leben ergibt." In dieser Diktatur kann jemand gerichtlich vorgeladen werden, der sich folgender Vergehen schuldig gemacht hat: "Vernachlässigung der Meldepflichten. Schlafbericht und Ernährungsbericht wurden im laufenden Monat nicht eingereicht. Plötzlicher Einbruch im sportlichen Leistungsprofil. Häusliche Blutdruckmessung und Urintest nicht durchgeführt."

          Hygienische Vorzeigehäuser

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