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Abenteuerroman : Eine herrliche Räuberpistole

Verrat, Intrigen, schöne Töchter und elende Schurken: Jules Vernes Amazonas-Roman „Die Jangada“ erscheint nach 137 Jahren endlich wieder auf Deutsch.

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          Eine Jangada ist eigentlich ein kleines brasilianisches Fischerboot mit Segeln, doch diese Jangada sieht gänzlich anders aus: ein großes hölzernes Floß, darauf mehrere Wohnhäuser, alle von zarter Frauenhand gemütlich eingerichtet, eine Kapelle mitsamt geistlichem Personal in der Mitte, dazu die Hütten und Zelte der fleißigen Arbeiter an Bord, die je nach Abstammung Unterkünfte mit oder ohne Wände bevorzugen. Ein Stall und Bäume machen das schwimmende Dorf komplett, auf dem sich der tapfere Gutsbesitzer Joam Garral aus dem peruanischen Iquitos mitsamt Kind und Kegel den Amazonas herunterschiffen lässt, um in Belem, nahe der Flussmündung, seine Tochter Minha zu verheiraten. Diese wiederum kann es kaum erwarten, endlich die Ehefrau des jungen Manoel zu werden, eines Studienfreunds ihres Bruders Benito.

          Ziemlich gemächlich wartet man, bis die steigende Flut des Flusses das Floß anhebt, ziemlich gemächlich lässt man sich, ausgeruhter Stimmung und von sanfter Abenteuerlust beflügelt, durch den grünen Dschungel staken. So kommt ziemlich gemächlich eine Geschichte in Gang, die sich erst kurz vor Manaus, also etwa auf halber Strecke, deutlich beschleunigt. Das hat damit zu tun, dass der junge Mitpassagier Fragoso, seines Zeichens Barbier und gerade an Land, um den einheimischen Indios die begehrten Locken in die glatten Haare zu drehen, einen Fremden aufgabelt, der den gleichen Weg wie die Reisegesellschaft hat. Diesen wortkargen Torres nimmt man aus lauter Güte mit, bereut es aber bald, denn er erweist sich als gehöriger Stinkstiefel.

          Jules Verne und seine Frau Honorine, 1905

          Und nicht nur das: Torres ist ein Erpresser, der an Bord der Jangada unter den gutherzigen Menschen der Fazenda von Iquitos leider auch einen findet, der erpressbar ist. Joam Garral ist nicht der, der er vorgibt zu sein, und wer sich an seine Vorgeschichte in einem der ersten Kapitel erinnert, der weiß, dass er unversehens im Dschungel auftauchte und nicht gerne über seine Vergangenheit redete. Das war einem ja gleich verdächtig. Aber keine Bange: Wir haben es hier mit einer herrlichen Räuberpistole zu tun, in der die Schurken noch richtige Schurken sind, brave Gutsbesitzer noch richtige brave Gutsbesitzer und eventuelle Anschuldigungen deshalb nur auf böse Intrigen zurückzuführen sein können.

          Jules Verne: „Die Jangada. 800 Meilen auf dem Amazonas“. 
Behutsam modernisierte Bearbeitung der ersten deutschen Übersetzung von 1882 auf der Grundlage der französischen Originalfassung von 1881 durch Christian Döring. Die Andere Bibliothek, Berlin 2019. 450 S., geb., Abb., mit zahlreichen Illustrationen, Verlag Die Andere Bibliothek, 42,– €.

          Jules Verne ist für genau solche Abenteuergeschichten bekannt, dafür wird er geschätzt, vielfach gelesen, gerne verfilmt und in der Literaturwissenschaft eher abgetan. „Die Jangada“ wurde jedoch seltsamerweise nur einmal ins Deutsche übersetzt, das war 1882, und seitdem nie wieder aufgelegt. Christian Döring, Programmleiter der Reihe „Die Andere Bibliothek“, stieß, wie ein beiliegender Zettel verrät, passenderweise in der Bordbibliothek eines Passagierschiffes auf dem Amazonas auf eine französische Ausgabe und beschloss, diesen Band in seiner Reihe herauszugeben. Dazu wurde die alte Übersetzung von unbekannter Hand etwas bearbeitet, mit den Illustrationen der französischen Ausgaben versehen und liegt nun als schöner Band im Schuber vor, in gewohnter Qualität also, mit Lesebändchen, Leineneinband und allem Pipapo.

          Im Gegensatz zum Verlagsprogrammleiter war Jules Verne nie auf dem Amazonas. Er reiste zwar einmal nach Amerika und ansonsten recht viel auf der Nordsee und im Mittelmeer herum. Was die Beschreibung des Flusses und der üppigen Tropenlandschaft angeht, musste er sich jedoch auf die Reisebeschreibungen anderer verlassen. Dabei kam durch Lektüre und in Gesprächen einiges zusammen, mehr jedenfalls, als sich nebenbei in den Text einstreuen lässt. Daher schiebt Verne faktengesättigte, lexikalische Kapitel ein, die nichts zur Handlung beitragen, jedoch Basiswissen über einen Ort vermitteln, das man beim damaligen Publikum nicht voraussetzen konnte. Für den gegenwärtigen Leser vermitteln sie weniger geographisches als vielmehr geschichtliches Wissen und sind daher nicht weniger wertvoll, lassen sich aber auch leicht überfliegen.

          Große Literatur ist „Die Jangada“ an keiner Stelle, aber es ist ein herrlicher Mantel-und-Degen-Roman, in dem so schöne Sätze wie „So stirb, Elender!“ fallen können, ohne fehl am Platze zu sein. Außerdem werden Geheimschriften entziffert, es wird mit Zitteraalen gerungen und ein spektakulärer Diamantenraub aufgeklärt. Wenn das nicht überzeugend wirkt, wissen wir auch nicht weiter.

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