https://www.faz.net/-gr3-a097u

Tanya Tagags Roman „Eisfuchs“ : Im langen Haar der Meeresgöttin

Basketball unter der Mitternachtssonne von Cambridge Bay in Nunavut Bild: Brian Summers / First Ligh / Vario Images

Überleben in der Arktis: Die kanadische Musikerin Tanya Tagaq schildert in ihrem ersten Roman „Eisfuchs“ eine von Gewalt und alten Mythen gezeichnete Jugend in einer majestätisch schönen Natur.

          3 Min.

          Dass „die Liebe ein Fluch sein kann“, habe sie schon als kleines Mädchen gewusst, berichtet die Ich-Erzählerin in Tanya Tagaqs Roman „Eisfuchs“. Damals, im Jahr 1975 etwa, als die Erwachsenen im Haus betrunken randalierten und sich das Mädchen dann immer im Kleiderschrank versteckte, öffnete sich manchmal dessen Tür, „die alte Frau“ kam herein „und umarmte uns mit ihrer erdrückenden Liebe, einer Liebe, die wie eine schwere Bürde auf ihr lastete. Ihr giftiger Alkoholatem erfüllte das Zimmer. Schluchzend griff sie nach uns, küsste uns, küsste das Einzige, dem sie vertrauen konnte.“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Beginn dieses Romans ist nicht nur äußerst beklemmend und lässt Schlimmeres ahnen, er schlägt auch schon früh einen Ton an, der bis zum Ende nicht mehr verhallt und sonst in Werken, die vom Heranwachsen handeln und ganz aus der Perspektive der Heranwachsenden erzählt wird, nicht allzu häufig ist: Die Kinder, speziell das jüngere Ich der Erzählerin, entwickeln ein Gespür für ein umfassendes Elend, das im Leben der Erwachsenen bereits manifest ist und es sogar prägt. Zugleich wissen sie um die Bedeutung dieses Elends für sie selbst. Sie werden, wenn sie sich nicht mit aller Kraft dagegen wehren, Teil jener Unglücksgesellschaft. Und eines Tages werden wiederum sie betrunken vor ihren im Schrank versteckten Kindern oder Enkeln stehen, wenn die Ablösung nicht gelingt.

          Im Kehlgesang

          „Eisfuchs“ ist der erste Roman von Tanya Tagaq, Jahrgang 1975, die in der Siedlung Cambridge Bay auf der kanadischen Polarmeer-Insel Victoria aufwuchs. Fünfzehnjährig verließ sie ihre Heimat, um in Yellowknife, der Hauptstadt des riesigen kanadischen Landesteils Northwest Territories zur Schule zu gehen. Als renommierte Musikerin, die sich eine traditionelle Kehlgesangtechnik der Inuit aneignete, arbeitete sie mit so unterschiedlichen Künstlern wie Björk, dem Kronos Quartet oder der Folksängerin Buffy Sainte-Marie zusammen, mit der sie vor kurzem das wütende Lied „You Got To Run“ aufnahm.

          Auch ihr Roman ist akustisch strukturiert, in der Form – eine Art lyrischer Prosa, die mit intensiven Kapiteln in freien Versen wechselt, in denen man die Erzählerin förmlich zu hören glaubt – wie auch im Inhalt. Geräusche wie die der Betrunkenen, gedämpft durch eine Wand oder eben eine Tür, kehren in „Eisfuchs“ häufig wieder. Mit entsetzlichen Folgen: Einmal hört die Erzählerin, die zusammen mit einem etwas älteren Mädchen in einem Zimmer übernachtet, wie ein Betrunkener aus dem Partylärm von nebenan ins Zimmer kommt und die Schlafende vergewaltigt.

          Die Willkür der Erwachsenen

          Es sind fürchterliche Geschichten, die in diesem Buch erzählt werden, und noch mehr Entsetzliches wird angedeutet. Angesiedelt ist der Roman im kanadischen Polargebiet, das Züge der Heimatregion der Autorin trägt. Geschildert wird eine Gemeinschaft, in der die Kinder einerseits einen erstaunlichen Freiraum haben, andererseits der Willkür der Erwachsenen ausgesetzt sind und in der es völlig alltäglich zu sein scheint, dass ein Lehrer eine Schülerin im Vorbeilaufen unsittlich berührt. Gewidmet ist das Buch den „verschwundenen und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen Kanadas“ sowie den „Überlebenden der Residential Schools“.

          Auch das Zusammensein der Heranwachsenden ist nicht ungefährlich, sei es durch das brutale Regiment einiger älterer Jugendlicher über die anderen, sei es durch die Natur selbst, der immer wieder Kinder zum Opfer fallen und etwa im Eiswasser ertrinken. Zugleich aber sucht die Erzählerin genau hier eine Rettung vor all dem Elend. Sie nimmt die Landschaft, das Meer, die Polarlichter, die Tierwelt mit großer Bereitschaft zu deren Überhöhung wahr, und so kritisch sie dem Schulunterricht gegenüber steht, in dem geflissentlich die Sprache der Inuit unterrichtet werden soll, so sehr begeistert sie sich für die überlieferten Mythen der Vorfahren, für Sedna, die Meeresgöttin etwa, die allein mit ihrem Vater lebt, alle menschlichen Freier ablehnt, schließlich mit einem gestaltwandlerischen Schlittenhund ein Kind bekommt und nun auf dem Meeresgrund ihr langes Haar fließen lässt, in dem sich die Fische und Seehunde vor den Menschen verstecken: „Besänftigen ließ sie sich nur durch einen Schamanen, der auf den Grund des Meeres geschickt wurde, um ihr Schlaflieder zu singen und das Haar zu kämmen, in der Hoffnung, sie würde den Menschen ein paar Tiere zum Verzehr überlassen und so die Hungersnot lindern.“ Eine ähnliche Geschichte überliefert ein knappes Jahrhundert vor Tagaq schon der Grönland-Reisende Knud Rasmussen.

          Ekstatisches Naturerlebnis

          Selbst die Schwangerschaft der noch kindlichen Erzählerin, die sich in der zweiten Hälfte des Romans einstellt, wird von ihr mit einem ekstatischen Naturerlebnis verbunden, in der die Polarlichter als Erzeuger ihrer Zwillinge fungieren. Wenn sich dahinter eine andere Geschichte verbirgt, dann eine, der sich die Erzählerin nicht stellen will und die in der von ihr so kräftig und poetisch beschworenen Verbindung mit der arktischen Natur keinen Platz hat.

          Es ist ein Kampf gegen die trostlose Wirklichkeit der Siedlung, in der Lichtblicke rar sind. „Ich vergebe und vergesse nicht“, heißt es im vorletzten Gedicht des Romans. Und im letzten: „Fang wieder von vorne an.“

          Tanya Tagaq: „Eisfuchs“. Roman. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Mit Bildern von Jaime Hernandez. Verlag Antje Kunstmann, München 2020. 196 S., geb., 20,- €.

          Weitere Themen

          Monument der Wandlungen

          Zeitgenössische Kunst : Monument der Wandlungen

          Wenn die Geschichte im Kreis verläuft: Der Kasache Jerbossyn Meldibekow veranschaulicht mit seiner vor dem Moskauer Garage-Museum aufgebauten Skulptur „Transformer“, dass Russland immer asiatischer wird.

          Topmeldungen

          Auf der Suche nach Yves Etienne Rausch: Ein Polizeihubschrauber über dem Waldgebiet nördlich von Oppenau

          Flüchtiger bei Oppenau : „Der Wald ist sein Wohnzimmer“

          Noch immer wird er gesucht: Dass sich vier Polizisten von einem „Waldläufer“ überwältigen ließen, sorgt für Belustigung. Polizei und Staatsanwaltschaft haben daher am Dienstag noch einmal detailliert geschildert, wie es dazu kam.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.