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Jüdische Exil-Erzählungen : Wie das Schtetl nach Kolumbien kam

  • -Aktualisiert am

Eine besprayte Kirchenfassade in Kolumbien Bild: AP

Das Herz wird leichter, wo man sich ausspricht: Die Erzählungen der Psychoanalytikerin Esther Fleisacher beschreiben die Traumata jüdischer Exilanten.

          Jeden Freitagabend bringen Doña Antonella und ihr Mann ihren Gastgebern „ein weiches, selbst gebackenes Brot mit“. Beim Essen verfolgen die Kinder gespannt, wer die Rosinen bekommt, denn „es waren nie mehr als drei“. Eine häusliche Szene in einer jüdischen Familie: Der Freitagabend leitet den Schabbat ein, mit einer festlichen Mahlzeit wird er empfangen, und die Gäste – wie auch das weiße Brot, die Challah – gehören zur Tradition. Zu Beginn der Mahlzeit wird es gebrochen und am Tisch verteilt. Nur mit den Rosinen, von denen es nie mehr als drei gibt, hat es seine besondere Bewandtnis.

          Die Szene könnte in einem ostjüdischen Schtetl des neunzehnten Jahrhunderts spielen, aber Esther Fleisacher schreibt ihre Erzählungen in Kolumbien. Dort kam sie 1959 als Tochter jüdischer Eltern zur Welt, die aus Rumänien und Ägypten nach Südamerika geflohen waren, und ein Gefühl der Vertreibung liegt auch über der Geschichte von den drei Rosinen.

          Ihre Texte sind kurz und leise

          Die Erzählerin erinnert sich auf einem Friedhof an sie, am Grab des Sohnes der Doña Antonella. Bald nach seiner Ankunft in Südamerika war er gestorben, kaum neun Jahre alt. Seine Eltern waren später nach Kolumbien gezogen, und lange hatte die Mutter um das Recht gekämpft, ihr Kind auf diesen Friedhof zu überführen. Dann verschlug es sie an einen dritten Ort, wo Doña Antonella kürzlich gestorben war, und jetzt oblag es ihrem Mann, auch den Sohn auf den neuen Friedhof zu holen. Alles sei in die Wege geleitet, schreibt er in einem Brief, „um seine Familie zu vereinen“.

          Dies erzählt Fleisacher auf drei Seiten. Ihre Texte sind kurz, und sie sind leise. Hat man die Geschichte der Doña Antonella zu Ende gelesen, so sind die drei Rosinen nicht mehr das Kinderspiel, das sie am Anfang zu sein schienen. Unaufdringlich werden sie zum Erinnerungsritual einer Mutter an ihre einst dreiköpfige Familie, und mit ihrem Tod zum symbolischen Vermächtnis.

          In den Erzählungen Esther Fleisachers kommt eine weibliche Stimme zum Klingen. Schabbatfeier, Familientisch, das von einer Mutter selbstgebackene Brot – die Texte berühren den Leser in ihrer Intimität, geben ihm das Gefühl, an einem Zwiegespräch teilzunehmen. Zumeist ist es eine Ich-Erzählerin, deren Blick wir folgen, und das verstärkt das Gefühl der Intimität noch: Indem hier eine Stimme zu sich selber spricht, eröffnet sie uns ihre Geheimnisse.

          Don Eliécer war immer hungrig

          Die Nähe, die Fleisachers Texte erzeugen, täuscht keine Idylle vor. Oft ist Kolumbien nur ein Fluchtpunkt im Leben der Juden, von denen sie erzählt. Don Eliécer stürzt sich nach dem Gebet in der Synagoge immer auf das Essen am Buffet. Alle kennen ihn, sie wissen um den Hunger, den er im Holocaust gelitten hat. Dort verlor er auch seine Familie, und die Großmutter der Erzählerin fügt noch etwas hinzu.

          „In Rumänien war er unser Nachbar. Seine Tochter Rahel, schön wie ein Gemälde, war die erste Liebe deines Vaters.“ Er wollte sie heiraten und nach Amerika mitnehmen, doch sie war noch ein Kind, die Ehe kam nicht zustande. „Dein Großvater – er ruhe in Frieden – hielt sich immer streng an die Gesetze, die in den heiligen Schriften stehen, er erlaubte es nicht. Don Eliécer war auf Reisen, und ohne die Einwilligung des Vaters durfte nicht geheiratet werden.“ Eine männliche Gegenstimme bildet den Schlussakkord dieser Geschichte, doch die Kritik in den Worten der Großmutter bleibt verhalten.

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