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Judith Zander: Dinge, die wir heute sagten : Der Chor von Bresekow

Bild: Verlag

Uns verbindet, was wir einander verschweigen: Judith Zander ist mit ihrem Debütroman „Dinge, die wir heute sagten“ auf die Shortlist des Deutschen Buchpreies gelangt. Es ist ein Roman über ein Dorf, dessen Melodie das Raunen ist und dessen Hauptmotive sich in Langeweile und Einsamkeit erschöpfen.

          Den Debütroman von Judith Zander sollte man am besten so lesen, wie man einige Werke von Toni Morrison liest: mit Bleistift und Zettel in der Hand, damit man die vielen Personen, die auftauchen, verschwinden und wieder erscheinen, in einem weitverzweigten Stammbaum erfassen kann. Andernfalls und vor allem dann, wenn längere Pausen zwischen den Lektüreeinheiten liegen, droht der Leser den Überblick zu verlieren zwischen all den Geschwistern, Ehepaaren, Eltern, Töchtern, Söhnen, Freunden und Feinden, die in „Dinge, die wir heute sagten“ eine Rolle spielen.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Roman spielt in Bresekow, einem Dorf in Vorpommern, und seine Protagonisten sind nicht nur deswegen besonders, weil sie so vielzählig sind, sondern vor allem, weil sie es sind, die das Geschehen im Wechsel erzählen. Genauer: Aus dem, was die Bewohner des Dorfes in inneren Monologen abwechselnd vortragen, setzt sich die Handlung zusammen. Mehr als andere Erzählweisen, als ein auktorialer Erzähler etwa, der nicht nur in der Lage wäre, den Lauf der Dinge zu beschreiben, sondern auch über die Grenzen des Dorfes hinauszublicken, lässt dieses multiperspektivische, personale Erzählverfahren die Bresekower Gemeinschaft als ein geschlossenes System erscheinen. Verstärkt wird dieser Eindruck durch den plattdeutschen Dialekt, den manche Dorfbewohner sprechen. Vor allem aber durch die wiederkehrenden kurzen Passagen, in denen „die Gemeinde“ als Kollektiv auftritt und gleich einem antiken Chor in Strophenform das Gerede der Leute zum Besten gibt.

          Viel zu reden gibt es nicht

          Viel zu bereden gibt es traditionell in Bresekow zwar nicht. Aber in dem Moment, in dem die Erzählung einsetzt, geraten die Dinge doch in Bewegung. Alles beginnt, als die alte Anna Hanske stirbt und zu ihrem Begräbnis ihr Adoptivsohn Peter aus Berlin und ihre Tochter Ingrid aus Irland anreisen. Ingrid, die einzige Person, deren innere Monologe konsequent in der zweiten Person bleiben, was unterstreicht, dass sie von allen die größte Distanz zu ihrer Heimat aufgebaut und bewahrt hat, war lange nicht mehr im Dorf. Sie betrachtet den Ort mit einer Mischung aus Misstrauen und Sehnsucht. Zu ihrer Unterstützung hat sie ihren Ehemann und ihren Sohn Paul mitgebracht, der seinerseits das Interesse der jungen Gymnasiastinnen Romy und Ella weckt, die ihr Dasein mangels Freunden bisher meist allein in ihren Zimmer verbracht haben. Nun aber bringt Paul sie zusammen und überredet zumindest Romy einmal, mit ihm „auf die Elpe“ (Abkürzung für LPG) zu gehen, also in jenes heruntergekommene Haus, in dem sich die Dorfjugend trifft, um die Zeit totzuschlagen – eine Idee, auf die Romy allein niemals gekommen wäre.

          Unterdessen fühlen sich alle anderen Dorfbewohner durch den kurzen Besuch von Anna Hanskes Kindern bemüßigt, darüber nachzudenken, wie das denn nun noch mal war damals in der DDR. Als erst Annas Mann Theo in den Westen verschwand und dann auch noch die Tochter Ingrid. Und so beginnen all die Nachbarn, Maria und ihr Sohn Hartmut, Sonja und der Pastor Wiedmann in ihren Gedächtnissen zu kramen und fördern uralte, längst vergessen geglaubte Geheimnisse ans Licht. Durchaus kunstvoll gelingt es der 1980 in Anklam geborenen Judith Zander, nach und nach Verbindungen zwischen den Personen sichtbar zu machen. Das zieht den Leser einerseits in einen Bann. Es ist andererseits aber auch verstörend, weil immer deutlicher wird, dass das Dorf eben nicht von Dingen zusammengehalten wird, die jeder weiß, sondern von solchen, die einer vor dem anderen verschweigt. Gleichwohl sind die Bande zwischen den Bewohnern nicht weniger fest.

          Das Raunen der Dörfler

          Das ist das Paradoxon, um das Zanders Buch kreist. Es ist ein Roman über ein Dorf, dessen Melodie das Raunen ist und dessen Hauptmotive sich in Langeweile und Einsamkeit erschöpfen. Er erzählt von einem Teil Deutschlands, den nicht einmal seine Bewohner mögen, und von Menschen, die fühlen, dass Veränderungen gut wären, die aber aus Gewohnheit oder aus Angst vor der Rechtfertigung, die sie dem Chor, also ihrer Gemeinde, schuldig wären, lieber dort bleiben, wo sie sind. Denn rechtfertigen muss man sich in Bresekow für alles – „oder wegziehen“. Und sosehr man am Ende bedauern mag, dass für Ostdeutschland wieder nur diese trüben, lebensfeindlichen Aussichten geblieben sind, so sehr muss man doch anerkennen, dass Judith Zander mit ihrem Porträt Bresekows ein mutiges und sehr vielversprechendes Debüt gelungen ist.

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