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Judith Kuckart: Wünsche : Am nicht enden wollenden Silvestermorgen

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Friedrichs Schwester Meret, ehemals eine enge Freundin von Vera, hat ebenfalls bereits versucht, in ein anderes Leben überzuwechseln: als Frau und Compagnon eines Imbisswagenbesitzers vor dem Kieler Hauptbahnhof. Diese von außen betrachtet wenig attraktive Alternative passt zu der extrovertierten Meret, von der man nie recht weiß, ob sie ihren Eigensinn und eine gewisse Verrücktheit nur spielt, um sich selbst ein wenig zu unterhalten. Aber auch sie kehrte schließlich zurück. Vermutlich ist man deshalb kaum überrascht, dass auch Veras Flucht nur ein vorübergehendes Intermezzo darstellt.

Zwischen einstiger Schwärmerei und Melancholie

Judith Kuckart arbeitet, auf unaufdringliche Weise, mit den Mitteln des Provinzromans, oder eher: des Romans aus der mittleren Provinz. Die sozialen Beziehungen sind in dieser Kleinstadt nicht unerträglich eng, aber verwoben ist man doch irgendwie miteinander, man kennt sich von früher, man hat mal füreinander geschwärmt, man arbeitet sich und seine Konflikte aneinander ab. Viele wollen hinaus aus diesen engen Bindungen, zugleich aber sind sie die eigentliche Basis, die das Leben grundiert und stabilisiert.

“Weg bin ich“, sagt Vera gegen Ende des Romans, „wegen all der Leute hier, die ich schon so lange kenne. Aus dem gleichen Grund bin ich wieder zurückgekommen. Ich dachte immer, das ist schlimm, dass ich bei uns nur die sein kann, die alle kennen. Jetzt weiß ich, genau die kann ich nur sein.“

Begrenzte Möglichkeiten und Einsamkeiten

Das melancholische Flair, das über alldem liegt, entsteht dadurch, dass Kuckart eben nicht über das Ausbrechen erzählt, sondern über dessen Scheitern. Nicht nur ein Provinzroman also ist „Wünsche“, sondern eine Art später Entwicklungsroman: Die Möglichkeiten, die den jungen Helden solcher Romane für gewöhnlich offenstehen, hat eine sechsundvierzigjährige Frau wie Vera nicht mehr.

Die Männer, die ihr begegnen, sind alle ein wenig zu jung, um mit ihr in ein Abenteuer oder gar einen Neuanfang zu wagen. Und auch in allen anderen Belangen sind die Aussichten begrenzt, und Vision ist kaum vorhanden. Diese Einsicht hat für Vera nicht eigentlich etwas Verzweifeltes, wohl aber begleitet ein Hauch Resignation die Einsicht, dass Aufbegehren zunächst einmal eines macht: einsam. Und dass die Möglichkeiten begrenzt sind.

Eine Zeit ohne Visionen

Genauso wähnt Friedrich Wünsche, der die Hoffnung auf die Erfüllung des anderen doch sogar im Nachnamen trägt, sein Glück und das Glück seiner Kunden nicht im Fortschritt, sondern in der Simulation einer heilen Vergangenheit.

Vielleicht ist es diesem allenfalls diffusen Streben ins Zukünftige geschuldet, dass Judith Kuckarts Roman phasenweise ein wenig zerfasert erscheinen mag, zerdehnt, wie ein nicht enden wollender Silvestermorgen. Diese Langsamkeit aber, genauso wie der Blick auf das Nebensächliche, das sich nicht zum Bedeutsamen auswachsen wird, fängt nur allzu gut das traurige Lebensgefühl einer Zeit ein, in der das Wünschen nicht mehr sonderlich viel hilft.

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