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Judith Hermanns erster Roman : Stella oder das Märchen vom Stalker

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Pflegebedürftig wäre vor Drucklegung auch die Sprache gewesen, und damit kommen wir zum eigentlichen Ärgernis dieses Buches. Judith Hermanns Stil gilt ja als „kunstvoll“. Er ist es insofern, als es ihm gelingt, trotz starker, freundlich formuliert: Reduktion beachtliche Redundanz zu erzielen. Für eine Stilistin versteht es sich von selbst, Verben wegzulassen, so gut wie jede Aussage in wörtlicher Rede mindestens einmal zu wiederholen, auf die üblichen Satzzeichen, vor allem Fragezeichen, zu verzichten. Zeitenfolgen und erzählerische Perspektiven gehen zuweilen durcheinander. Ausflüge in die Hypotaxe gibt es nur, wenn es gar nicht anders geht.

Sachliche Ungereimtheiten

Syntaktische Schlichtheit gilt als Judith Hermanns Markenzeichen. Was aber, wenn sich dahinter gedankliche Schlichtheit verbirgt? Oder einfach nur Unvermögen? Passen täte das zu den Allerweltsempfindungen der in ihrem psychologischen Profil absolut unscharf bleibenden Heldin. Sobald es interessant werden könnte, heißt es aber „vielleicht“ - eigentlich eine Frechheit gegenüber dem Leser.

Nehmen wir zunächst die Realien: Kann die Polizei einem Stalker ohne richterlichen Beschluss jede Kontaktnahme zu seinem Opfer verbieten? Baut ein Maurer oder Handwerker, der Jason offenbar sein soll, wirklich ein ganzes Haus, oder ist das nicht eher Aufgabe eines Architekten? „Über den Winter“, heißt es über eine Nebenfigur, „den der Fahrradmechaniker im Süden verbringt, weil er Frost nicht verträgt, er kommt erst zurück, wenn die Tage wieder länger werden.“ In der Regel werden sie es ja gerade dann, wenn der Frost am stärksten ist, nämlich vom 21. Dezember an.

Dann heißt es, „seine Aura ist ausdruckslos“ - gibt es das? „In Stellas Kopf taucht das Wort Drohung auf wie eine Warnung“ - das tut es sonst auch. „Am Abend schließt sie die Haustür von innen ab“ - das sollte jeder Verfolgte tun. „Der Alkohol ist süß und kräftig“ - eine chemische Unmöglichkeit, gemeint ist Likör. Über weite Strecken wirkt die Aufzählung von Dingen und Verrichtungen unmotiviert, zum Verständnis von Handlung und Psychologie tragen sie so gut wie nichts bei. Dieses Erzählen, wird gern behauptet, verfahre „filmisch“; das mag sein. Aber wenn es darum geht, „Bilder“ zu entwerfen, sollte man sich mehr Mühe geben.

Aller Anfang ist schwer

Und jetzt ein schlimmer Verdacht: Man hat manchmal den Eindruck, Judith Hermann weiß gar nicht, was bestimmte Wörter bedeuten. Deswegen wirkt vieles entweder tautologisch oder schief: „Als sie aus dem Kino kommt, ist der Tag draußen immer noch hell“ - das haben Tage so an sich, ein „es“ hätte genügt. „Ich hab darüber gelesen, Reaktion bedeutet Kontakt“ - wo das wohl steht? „Die Stille am Küchentisch, die Bedeutung von Avas Schlaf, die Beschränkung der Begegnungen auf Jason, Paloma, Dermot, Walter und Esther ist auffällig. Verdächtig, als sollte sie etwas bedeuten.“ Nur was?

Diese biographische Skizze verrät das Prinzip: Unbeholfenheit, die sich spreizt. „Stella hat eine jähe Ahnung vom Inneren seines Hauses“ - hat der Stalker etwas zu verbergen wie Fritzl oder der Entführer von Natascha Kampusch? Kann Stella sich nicht einfach etwas vorstellen? „Staubmäuse“ sind so groß wie „Kindsköpfe“ - gemeint sind wohl „Kinderköpfe“. „Stella sieht irgendwohin“ - das tut jeder. So werden laufend Nichtigkeiten aufgebauscht, Triviales macht sich wichtig. Irgendwann kommt einer von den Stadtwerken und liest ab, „als sei es das Normalste der Welt“ - ist es das nicht auch?

Aber nur so hat Judith Hermann ihr Buch vollgekriegt, für diese Null-acht-fünfzehn-Geschichte hätte eine Erzählung dicke gereicht. Sei’s drum, es ist ja erst ihr erster Roman. Aller Anfang ist schwer.

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