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Judith Hermann: Alice : Eine Frau und fünf tote Männer

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Bild: S. Fischer Verlag

Seit ihrem Debüt „Sommerhaus, später“ von 1998 und dem auch verfilmten Erzählband „Nichts als Gespenster“ gilt Judith Hermann als scheuer, stiller Star der deutschen Gegenwartsliteratur. Jetzt ist ihr drittes Buch erschienen. „Alice“ erzählt vom Tod.

          Der Tod ist in diesem Buch von der ersten Zeile an so präsent wie die stumme Frage, ob man nicht doch gegen ihn aufbegehren müsste, wenigstens mit den Mitteln der Sprache: „Aber Micha starb nicht.“ Noch halten ihn die seidenen Worte „aber“ und „nicht“, noch ist seine Hand, die Alice in die ihre nimmt, warm, vertraut wie das Leben. Doch was sie sieht, ist allein der Sterbende, ein beginnendes Vakuum in einer vor Gegenständen, Gegebenheiten und Praktikabilitäten blendenden Welt. „Die Zimmertür war angelehnt, das Quietschen der Schuhe der Krankenschwestern tröstlich, das Klingeln des Telefons in der Schwesternstation, das Rumpeln des Fahrstuhls, Flüstern und Gelächter, andauernde Geschäftigkeit, der Essenswagen rollte am Zimmer vorbei, manchmal kam eine der Nonnen rein.“ Den Tod aber verscheuchen solche hilflos, nutzlos aneinandergereihten Übersprungsbeobachtungen, wie sie wohl jeder in Situationen extremer Anspannung schon gemacht hat, natürlich nicht.

          Judith Hermann versammelt in ihrem neuen, dritten Prosaband fünf Geschichten vom Sterben. Obgleich sie in der Titelheldin alle dieselbe Protagonistin haben, fügen sie sich nicht zu einem Roman, wie überhaupt jegliche Gattungsbezeichnung konsequent verweigert wird. „Alice“ ist ein stilles Buch, in dem sich die Worte, Sätze und Bedeutungen in sich selbst zurückzuziehen scheinen. Statt dass der Tod alles mit Sinn auflädt, entlarvt die Alltagssprache aller Gedanken und Gespräche ihr ganzes banales Nichtgewachsensein. Von all den entgrenzenden Empfindungen, die der Verlust eines nahen Menschen auszulösen vermag, Trauer, Angst, Verzweiflung, Wut, zeigt sich hier vor allem die eine, die die Distanz wahrt: Ohnmacht, vielleicht auch schon Resignation.

          Tote brauchen keine Adjektive

          Jeder der fünf Männer, deren Namen – Micha, Conrad, Richard, Malte, Raymond – den Erzählungen ihre Titel geben, stirbt allein. Woran, ist so unwichtig wie ihr Beruf, ihr Nachname oder ihr Lieblingsgericht. Sie werden nicht plastisch gezeichnet, die Lücke, die sie hinterlassen, ist nicht konturiert; es bleibt dem Leser überlassen, sie mit Eigenschaften, Atem, persönlicher Relevanz zu füllen. Falls die Autorin jemandem ein Denkmal setzen wollte, so hat sie dazu kein Monument aus Stein gewählt, sondern eher Blumen, wie man sie lieben Menschen aufs Grab legt, auch wenn man weiß, dass sie welken werden. Der Blick der Geschichten ruht denn auch nicht auf den Toten, sondern auf der Lebenden: Alice. Mit ihr ist eine feine Chronologie in das Buch gewebt.

          Was genau Alice jeweils in der unmittelbaren Nähe der sterbenden Männer tut, bleibt – bis auf die beiden letzten Geschichten – offen. Sie ist eine Freundin, die Grenzen zwischen Vertrautheit und Liebe sind fließend: Ein jeder Tod vermehrt zunächst die Bedeutung der eigenen Beziehung zu dem Gegangenen. Micha ist ein Geliebter von früher; Alice ist zu seiner Frau Maja und dem Kind gefahren, die ihre Totenwache in einem Krankenhaus in einer fremden Stadt halten müssen. Conrad, eine Art väterlicher Freund, stirbt überraschend, als Alice ihn und seine Frau gerade mit Freunden am Gardasee besucht. Richard, der in Berlin einen angekündigten Tod stirbt, ist ebenfalls ein älterer Freund.

          Bloß nicht bewegen!

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