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Joyce Carol Oates: Geheimnisse : Der Preis der Freiheit

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Bild: Verlag

Routiniert: Joyce Carol Oates erzählt in ihrem neuen Roman die Geschichte einer erfolgreichen Selbstverleugnung. Es ist dies der Preis der Freiheit einer Frau.

          2 Min.

          Der Tag, an dem Rebecca zur Welt kam, war heiß und stickig, und der Ort, an dem das Mädchen seine Mutter zur Niederkunft zwang, befand sich im Niemandsland zwischen Alter und Neuer Welt. Alle Flüchtlinge, die im Sommer 1936 auf dem Dampfer vor dem aufziehenden Terror aus Europa geflohen waren, hatten nichts anderes im Sinn, als das überfüllte, dreckige Schiff schnell zu verlassen, kaum hatte es im Hafen von New York angelegt. Nur die Familie Schwart wurde zurückgehalten, weil die Wehen die Mutter in die Laken pressten. Wie sie das überstand, vor allem aber warum die Tochter Rebecca in all dem Elend nicht sofort starb, das wird die Frage sein, die über dem Leben des Kindes schwebt. Noch als Rebecca eine erwachsene Frau ist, kehrt sie in einer Endlosschleife wieder: „Es musste doch einen Grund dafür geben, dass sie überlebt hat. Sie wusste das. Die Tatsache war ihr bekannt. Und doch konnte sie sich keinen Grund denken.“

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Rebecca Schwart wird nie mit ihren Eltern darüber sprechen, dass sie aus einer gebildeten Familie stammt, ihr Vater einst in München als Lehrer gearbeitet hatte und die Mutter leidenschaftliche Klavierspielerin gewesen war. Stattdessen wird sie erleben, wie die jüdischstämmigen Schwarts in Milburn nördlich von New York ein altes Steinhaus beziehen, das traditionell der Familie des örtlichen Totengräbers zugewiesen wird. Das ist alles, was Jacob Schwart in dem neuen Land werden kann. Die Nachbarskinder stehen hinter dem Zaun und rufen: „Totengräber! Kraut! Nazi! Jude!“ Und weil dem Vater darüber langsam klarwird, dass er keine Chance hat in den „Ju-Ess“, kauft er sich ein Gewehr, erschießt erst seine Frau und dann sich selbst. Das Hirn, das er sich weggepustet hat, landet auf den Unterarmen seiner Tochter Rebecca.

          Allein auf sich gestellt

          Sie wird fortan auf sich selbst gestellt sein, sie wird das College verlassen, als Zimmermädchen in einem Hotel bescheidenes Geld verdienen und tief in ihrem Inneren verbergen, woher sie kommt. Dann begegnet sie Niles Tignor, einem Mann Mitte vierzig, gut zwanzig Jahre älter als sie, der ihr im Grunde nur deswegen ähnlich ist, weil er genauso selten darüber spricht, wie er sein Geld verdient, wo er in den langen Wochen ist, die er fern von ihrem Zuhause verbringt, kurzum: wer er eigentlich ist. Insofern passt auch der Titel der deutschen Übersetzung des neuen Romans der amerikanischen Schriftstellerin Joyce Carol Oates recht gut. „Geheimnisse“ heißt das Buch, das 2007 in Amerika unter dem Titel „The Gravedigger’s Daughter“ erschienen ist. Und um Geheimnisse geht es durchaus, denn die Geschichte von Rebeccas Emanzipation, die er erzählt, gründet vor allem auf dem, was Rebecca vor ihren Mitmenschen verheimlicht. Als ihr Ehemann sie eines Nachts beinahe zu Tode prügelt, flieht sie mit ihrem Sohn und sucht Schutz unter einer neuen Identität. Ab sofort nennt sie sich Hazel Jones und baut sich als solche ein neues Leben auf, das beinahe alles verändert, bis hin zu ihrem Wesen. Aus dem „Zigeunermädchen“ mit dem olivfarbenen Teint wird eine lächelnde junge Frau – bescheiden, aber bestimmt, fügsam, aber undurchsichtig. Rebecca überlebt. Sie wird lernen, dass das reichen muss.

          Daher ist der Roman von Joyce Carol Oates vor allem ein Buch über Selbstbestimmung und über den Preis, zu dem sie für Frauen im Amerika der Nachkriegszeit zu haben ist. Joyce Carol Oates, die in ihren so zahl- wie umfangreichen Romanen immer wieder Sittenbilder der amerikanischen Gesellschaft entwirft, lässt auch hier Amerika nicht ungestraft davonkommen. Die Geheimnisse, die Rebecca hütet, um zu leben, werden zu Leerstellen ihres eigenen Ichs. Dieses Schicksal aber hat
          sie nicht gewählt, es ist ihre einzige Möglichkeit.

          Erfolgreiche Selbstverleugnung

          Joyce Carol Oates erzählt die Geschichte dieser erfolgreichen Selbstverleugnung routiniert, mit einem stellenweise abgründigen Hang zum Morbiden. Ihr Buch liest sich mühelos, auch wenn es in der Übersetzung von Silvia Morawetz an sprachlichen Ungenauigkeiten leidet. Ein intensiveres Bemühen um den Stil, sei es durch die Straffung manch ausschweifender Passage, hätte dem Werk sicher gutgetan. So bleibt es zwar lesenswert. Eine Empfehlung für den Literatur-Nobelpreis, für den Joyce Carol Oates ja immer wieder gehandelt wird, ist es aber nicht.

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